Stift Seitenstetten

AUSDRUCKEN

Aus MOSTWIKI

Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Stift Seitenstetten "Vierkanter Gottes"

Seitenstetten liegt in den Voralpen zwischen Amstetten und Steyr, eingebettet in der anmutigen Hügellandschaft des Mostviertels.
Stift Seitenstetten Luftaufnahme.JPG
In Anlehnung an die hier gebräuchliche Bauernhofform wird das Stift Seitenstetten auch gerne "Vierkanter Gottes" genannt.[1]

Geschichte des Stiftes Seitenstetten

1112 gründete der Edelfreie Udalschalk von Stille und Heft das Stift Seitenstetten, schenkte diesem seinen ganzen Erbbesitz und trat selbst in seine Stiftung ein. 12 Mönche kamen aus Göttweig, und schon 1116 konnte Bischof Ulrich II von Passau die Stiftskirche weihen und dem Stift die Pfarre Aschbach anvertrauen. 1142 schenkte Bischof Reginbert von Passau dem Stift die Pfarre Wolfsbach. Durch Erzbischof Wichmann von Magdeburg erfolgten 1180 weitere Schenkungen, die dem Stift seine wirtschaftliche Selbstständigkeit bis heute ermöglichten: darunter neben reichem Waldbesitz auch die Pfarre Ybbsitz. Aus dem Gründungsjahrhundert stammen auch bereits erste Hinweise auf eine Klosterschule in Seitenstetten.

Trotz mancher Rückschläge durch zwei Klosterbrände und durch Besitzstreitigkeiten (vor allem mit dem Hochstift Freising)  nahm das Kloster einen allmählichen Aufschwung. 1347 zählte der Konvent 22 Mitglieder. Nach längerer Verfallszeit setzte sich mit Abt Benedikt I auch in Seitenstetten die Melker Reform durch. Der Ungarnsturm und die Reformation setzten dem Stift hart zu.

Erst unter Abt Christoph Held (1572‑1602) konnte die Gegenreformation mit kräftiger Unterstützung durch den kaiserlichen Klosterrat auch in Seitenstetten Fuß fassen. Der allgemeine Aufschwung der Barockzeit begann auch hier mit einer umfassenden Bautätigkeit. Die großen Meister des Österreichischen Barock von Munggenast bis Hayberger, von Paul Troger über Kremser Schmidt bis Johann Bergl, gaben dem Stift sein heutiges Aussehen. Die 1743 erworbene Messinghütte Reichraming und das Kupferbergwerk in der Steirischen Radmer ermöglichten eine großzügige Ausstattung des Stiftsgebäudes.

Im Jahre 1814 erhielt das Stiftsgymnasium das Öffentlichkeitsrecht, der Ausbau zum Obergymnasium wurde durchgeführt. Um 1900 erreichten der Konvent und die Schule seine höchst Blüte.

Aufgrund seiner ausgedehnten Seelsorge in (heute) 14 Pfarreien entging das Stift der Aufhebung in der josephinischen Epoche und überstand die Franzosenkriege und auch den Zweiten Weltkrieg. Schule und Seelsorge verhinderten die Aufhebung und retteten das Stift über Kriegs‑ und Nachkriegszeit hinweg.

Heute führt das Stift ein bekanntes Stiftsgymnasium, ist in 14 rund um das Stift liegenden Pfarreien in der Seelsorge tätig, der Konvent zählt 37 Mitglieder. Zu den Aufgaben der Mönche zählen auch ein Bildungszentrum für die Erwachsenenbildung und die Unterstützung eines Jugendhauses. In den letzten Jahren hat sich Seitenstetten auch zu einem Magnet für den Tourismus entwickelt. 20 Gästebetten innerhalb des Klosters stehen zur Verfügung. Tage der Stille und Urlaub im Kloster sind Angebote, die von immer mehr Menschen genutzt werden.[2]

Das Stift, seine Bauten und Sammlungen [3]

Im Jahrhundert der Stiftung

Der eigentliche Stiftungsvorgang

„Ein gewisser edelfreier Mann Udalschalk von Still hat ein kleines Kloster für Mönche zu Ehren der Gottesmutter Maria auf seinem freien Eigen Sitansteten errichtet.“ In diesem Satz der ältesten Urkunde des Stiftsarchivs hat beinahe jedes Wort Gewicht: Er gibt zunächst den Namen und Rang des Stifters an: Er heißt Udalschalk und ist nicht etwa bloß ein gewöhnlicher Freier wie es auch die Herren von Waasen und Harrau waren, sondern steht als ein Edelfreier in der Gesellschaftsordnung seiner Zeit um eine Stufe höher. Das bedeutet zugleich, dass er ein höheres Maß an Freiheit hat und über sein Hab und Gut freier verfügen kann. Noch dazu hat er das kleine Kloster auf seinem freien Eigen gestiftet. Er brauchte also niemand um seine Zustimmung zu fragen. Daher konnte auch niemand die Rechtmäßigkeit der Stiftung bestreiten. Als sein Sitz wird Still in der heutigen Pfarre Hofkirchen an der Trattnach angegeben. Er lag also im Innviertel, das noch viele Jahrhunderte zu Bayern gehören sollte. Heinrich Koller hat mit Recht vermutet, dass Udalschalk nicht in Still, sondern in Seitenstetten seinen Hauptsitz hatte. Wenn er trotzdem nur Udalschalk von Still genannt wird, dann kommt das daher, dass sein Sitz nur in Passauer Urkunden genannt wird und dass Still jene Besitzung Udalschalks war, die Passau am nächsten lag. Auch ist seine Familie wahrscheinlich von Westen nach Osten weitergewandert und besaß daher den Sitz Still bereits, bevor sie sich in Seitenstetten niederließ.

Er errichtete nun ein kleines Kloster für Mönche. Damit ist gesagt, dass es sich um ein Benediktinerkloster, nicht um ein Chorherrenstift handelte. Auch von dem Chorherrenkloster St. Veit in der Au, das uns im Abschnitt über die Pfarre Seitenstetten beschäftigen wird, ist damit die neue Stiftung klar unterschieden. Sie wurde zu Ehren der Gottesmutter errichtet: Bis heute feiern die Stiftskirche und das Kloster das Patrozinium am Fest Maria Himmelfahrt.

Selbst das letzte Wort „errichtet“ hat noch besondere Bedeutung, so vage es zunächst erscheinen mag. Es besagt nämlich, dass es sich bei dieser Stiftung weder um die Umwandlung des Chorherrenstiftes zu St. Veit in ein Benediktinerstift handelt, wie dies 1107 in Garsten geschehen war, noch um die Umwandlung der Burg Udalschalks in ein Kloster, wie dies seit dem 17. Jahrhundert immer wieder behauptet wird. Beim Aufkommen der Meinung, Udalschalk habe seine Burg in ein Kloster verwandelt, spielte sehr wahrscheinlich die barocke Vorliebe für Wortspiele eine Rolle. „Claustrum (=Kloster)“ reimt sich nämlich schön auf „castrum (= Burg)“. Natürlich war Udalschalk ein Ritter, aber sein Sitz war sicher nicht eine Burg im späteren Sinn, sondern höchstens ein gemauertes Haus und auf jeden Fall ein Wirtschaftsgebäude. Für die Mönche aber hat Udalschalk einen Neubau errichtet. Wann Udalschalk das kleine Kloster stiftete, erfahren wir nicht aus Seitenstettner Quellen. Offensichtlich hatte man in Seitenstetten das Gründungsjahr bereits vergessen, als Abt Gundaker um 1320 die Gründungsgeschichte des Klosters schrieb. Glücklicherweise geben die Annalen (Jahrbücher) der Stifte St. Peter in Salzburg, Garsten, Admont und Melk alle als Gründungsjahr 1112 an.

Wenn Udalschalk für die Mönche einen Neubau errichtete, dauerte es natürlich einige Zeit, bis die Mönche einziehen konnten, auch wenn wir annehmen müssen, dass Udalschalk schon vor seiner Gründung dafür gesorgt haben wird, dass er für seine Stiftung überhaupt Mönche bekam. Der Äbtekatalog, den Abt Gundaker an seine Gründungsgeschichte anschloss, berichtet, der damalige Bischof Ulrich von Passau (1092 bis 1121), zu dessen Diözese Seitenstetten gehörte, habe dem Stifter Udalschalk geholfen, dass er den Mönch Leopold aus Göttweig als ersten Abt gewinnen konnte. Dieser leitete das junge Stift nach dem Abtkatalog 24 Jahre und starb nach den Göttweiger Annalen im Jahre 1138. Daraus ergibt sich, dass er die Leitung der Neugründung 1114 übernommen hatte. Damit stimmt auch überein, dass nach dem Äbtekatalog Abt Nanzo von Göttweig den Bitten des Bischofs Ulrich und des Stifters Udalschalk zugestimmt habe. Nanzo aber wurde 1114 Abt von Göttweig. Wahrscheinlich hatte Abt Nanzo sogar ein sehr persönliches Interesse an Seitenstetten, denn bei der Seltenheit des Namens Nanzo muss man ihn doch wohl mit jenem Nanzo gleichsetzen, der vor seinem Eintritt in Göttweig dem Stifte einen Hof an der Url schenkte. Nach Franz Steinkellners Untersuchungen war dieser Hof wahrscheinlich Gredlegg (Hochstrass Nr. 1) oder Puchen (Bahnhofstrasse Nr. 70) in Seitenstetten. Abt Nanzo stammte also vielleicht sogar aus Seitenstetten.

Aus den Annalen von Garsten und Admont erfahren wir, dass Bischof Ulrich bereits 1116 die Seitenstettner Stiftskirche geweiht hat. Bei der kurzen Bauzeit von vier Jahren kann es sich bei Kirche und Kloster nur um vorläufige Holzbauten gehandelt haben, die mit der Zeit durch steinerne Gebäude ersetzt werden sollten.

Als Weihetag wird von P. Petrus Ortmayr und P. Ägid Decker der 3. November angenommen. Das geht auf den Festkalender der ehemaligen Seitenstettner Handschrift Nr. XIV zurück, der diesen Tag als Kirchweihfest angibt. Da aber diese Handschrift um 1270/80 entstanden sein dürfte, wäre es möglich, dass ihr Festkalender nicht den Kirchweihtag der ältesten, sondern bereits den Weihetag der frühgotischen Kirche angibt.

Aus den Quellen lassen sich also für den Stiftungsvorgang drei wichtige Jahre feststellen:
das Jahr 1112 als Jahr der eigentlichen Stiftung und des Baubeginns,
das Jahr 1114 als Beginn des klösterlichen Lebens unter der Leitung des Mönches Leopold aus Göttweig,
das Jahr 1116 als Jahr der Kirchweihe.

 Wie viele Mönche 1114 in Seitenstetten einzogen und woher sie kamen, steht nicht in den Quellen. Es hat aber bereits der hl. Benedikt je zwölf Mönche unter der Leitung eines Abtes zu Klostergründungen entsandt, und auch im Mittelalter war das nach seinem Vorbild üblich. Wir können es daher auch für Seitenstetten annehmen. Weiters ist es wahrscheinlich, dass nicht nur der künftige Abt des neuen Klosters aus Göttweig kam, sondern auch die übrigen Gründermönche. Es gehörte nur nicht zum Gegenstand des ohnehin sehr knapp abgefassten Äbtekatalogs, auch über die Zahl und Herkunft der Mönche Auskunft zu geben.

Bevor die Kirche geweiht wird, muss immer auch ihr Fortbestand rechtlich und tatsächlich gesichert werden. Wenn daher auch die Echtheit der ältesten Urkunde des Stiftsarchivs, die als Datum das Weihejahr 1116 trägt, nicht völlig gesichert ist, so ist an ihrem wesentlichen Inhalt nicht zu zweifeln. Sie sagt nämlich, der Stifter habe das kleine Kloster am Altar des hl. Stephan in der Domkirche zu Passau übergeben. Damit wurde Seitenstetten zu einem Passauer Eigenkloster. Die Bischöfe von Passau haben daher oftmals, vor allem bei Abtwahlen, in die Geschicke des Klosters eingegriffen.

Weil aber die Bischöfe mitunter allzu eigenwillig in die Geschicke der Eigenklöster eingriffen, wurde die Neugründung auch gegenüber Passau abgesichert: Die Mönche sollten das Recht der freien Abtwahl haben. Außerdem sollten die Verwandten des Stifters das Recht haben, wenn der Passauer Bischof das Kloster unrechtmäßig bedrücke, ein Goldstück auf den Altar der Domkirche zu legen - Das war wohl eine Vorsichtsmaßnahme, damit die Verwandten des Stifters nicht allzu schnell eine Bedrückung durch den Bischof annahmen! - und das Kloster einer anderen Diözese zu übergeben. Auch gegenüber weltlichen Bedrängern brauchte ein Kloster einen Schutz. Daher wurde für jedes Kloster ein so genannter Vogt bestellt, der die weltlichen Rechte zu vertreten und zu schützen hatte. Es wurde daher vereinbart, dass der Abt und die Brüder von Seitenstetten für immer das Recht haben sollten, ein Mitglied der Stifterfamilie zum Vogt zu wählen. Sollte er sich als unfähig erweisen oder gar das Kloster bedrängen, so sollten sie an seiner Stelle ein anderes Mitglied der Stifterfamilie zum Vogt bestellen können.

Wir werden noch in der Geschichte des Marktes und der Dorfgemeinde sehen, dass das ursprüngliche Stiftungsgut des neuen Klosters nicht sehr groß war. Es bedurfte also einer weiteren wirtschaftlichen Sicherung. Daher schenkte Bischof Ulrich mit Zustimmung seines Domkapitals dem neuen Stift die große Pfarre Aschbach mit ihren damaligen drei Filialkirchen Allhartsberg, Krenstetten und Biberbach und verlieh ihm das Recht, dort Priester einzusetzen und den Anteil des Bischofs und Priesters vom Zehent einzuheben. Da der Zehent, eine Art Kirchensteuer, gewöhnlich zu je einem Viertel dem Bischof, dem Pfarrer, der Pfarrkirche und den Armen zustand, erhielt also das Stift praktisch die Hälfte des Zehents der Pfarre Aschbach. Ausgenommen wurden nur Zehente, die bereits an Weltliche zu Lehen vergeben waren. Da sich die Pfarre Aschbach damals über das ganze mittlere und obere Ybbstal erstreckte und dort die Besiedlung zu jener Zeit voll im Gang war, musste diese Zehentverleihung dem Stift ein rasch zunehmendes und schließlich ganz beachtliches Einkommen sichern. Zugleich war das aber auch für das ferne Passau ein Vorteil, weil es dadurch in der nächsten Nähe der Pfarre Aschbach eine Institution gewonnen hatte, die an einem weiteren Ausbau der Pfarre interessiert sein musste.

Doch sollte das Stift noch fast ein halbes Jahrtausend lang die Seelsorge in Aschbach nicht selbst, sondern durch Weltpriester ausüben. Der eigentliche Zweck der Stiftung war nämlich nach der Urkunde des Jahres 1116 das Seelenheil des Stifters und aller seiner Vorfahren. Für sie sollten die Mönche beten und Gottesdienst feiern. Bis heute hält das Stift um den 11. Mai jedes Jahres einen feierlichen Gottesdienst für den Gründer und seine Familie.[4]


Die Stifterfamilie

Es fällt auf, dass die Stiftungsurkunde nur vom Seelenheil Udalschalks und seiner Vorfahren spricht. Verheiratete Stifter pflegten zumindest auch ihre Frau einzubeziehen. So gewinnt die Angabe der Gründungsgeschichte, Udalschalk sei selbst in seine Stiftung eingetreten, an Glaubwürdigkeit. Das Bild des Kremsers Schmidt von der Einkleidung des Stifters stellt also im Wesentlichen eine Tatsache, nicht eine Legende dar.

Die Gründungsgeschichte enthält auch noch weitere Angaben, die sich (gegen Heinrich Kollers Einwände) als durchaus glaubwürdig erweisen lassen: Udalschalk habe eine Schwester Helena gehabt, die in erster Ehe mit einem Lanzo von Lanzendorf (in der Pfarre Böheimkirchen) verheiratet gewesen sei, der auch in Zelking (bei Melk) Besitz gehabt habe. Nach dessen frühem Tod habe sie einen Reginbert von Hagenau geheiratet. Die Hagenauer hatten ihren Stammsitz am Inn, doch hatte Reginbert einen Sitz Hagenau auch in der Pfarre Böheimkirchen. Aus dieser zweiten Ehe stammten zwei Söhne und eine Tochter, nämlich Reginbert, später Bischof von Passau, Hartwig und Richarda. Auch Reginbert von Hagenau war bereits Witwer, als er Helena heiratete, und brachte aus seiner ersten Ehe einen Sohn Wernhart mit, der später auf Zelking saß, aber noch vor seinem Vater starb. Helena überlebte auch ihren zweiten Mann Reginbert und schenkte nun außer ihrem Erbbesitz in Seitenstetten und Aham bei Attnang-Puchheim auch ihre Güter in Lanzendorf und Hagenau bei Böheimkirchen sowie in Zelking dem Stift Seitenstetten.

Der Stifter Udalschalk hatte aber sehr wahrscheinlich auch einen Bruder, der am Urlgut in St. Peter in der Au saß. Franz Steinkellner hat in einer glänzenden Untersuchung nachgewiesen, dass dieses Urlgut ursprünglich eine ähnlich große Eigenwirtschaft war wie Udalschalks Eigenwirtschaft in Seitenstetten und erst später in Bauernhöfe aufgeteilt wurde. Udalschalks Bruder dürfte jung gestorben sein und scheint daher in Urkunden nicht auf. Doch hinterließ er zwei Söhne, Egino und Alram von Url. Egino war nachweislich Vogt des Stiftes Seitenstetten und gehörte daher nach den Stiftungsabmachungen zur Verwandtschaft Udalschalks. Um Streitigkeiten zu vermeiden, hat das Stift vermutlich den nächsten männlichen Verwandten des Stifters als Vogt bestellt. Das aber war Egino von Url nur, wenn er von einem Bruder Udalschalks abstammte. Wäre sein Vater ein weiter entfernter Verwandter Udalschalks gewesen, dann hätte ein Sohn der Helena das Vorrecht gehabt. Auf diese Weise lässt sich ein Bruder Udalschalks erschließen, obwohl wir nicht einmal seinen Namen kennen.

Auch die Namen der Eltern Udalschalks kennen wir nicht. Seit der Barockzeit wurde zwar von manchen angenommen, es habe zwei Udalschalk gegeben: Der Vater Udalschalk sei ein Halbbruder mütterlicherseits mit dem Passauer Bischof Ulrich gewesen und habe Seitenstetten gestiftet, sein gleichnamiger Sohn Udalschalk sei dann ins Stift eingetreten. Doch ist diese Annahme eines älteren und jüngeren Udalschalk nur ein (wenn auch nahe liegender) Versuch, den Widerspruch zwischen den zwei Angaben der Gründungsgeschichte zu beseitigen, dass Udalschalk einerseits ein Halbbruder des Bischofs Ulrich gewesen sei, der bei der Gründung des Stiftes schon sicher über achtzig Jahre alt war, andererseits aber in jungen Jahren in seine Stiftung eingetreten sei. Aber selbst wenn man sich dieser barocken Annahme anschließen wollte, wäre damit über den Vater des Stifters Udalschalk nichts gewonnen. Dass die Mutter des Stifters die bei Paul von Bernried, einem Zeitgenossen des Stifters, genannte fromme Frau Helisea gewesen sei, beruht nur auf einem Missverständnis der betreffenden Stelle.

Einigermaßen fassbar ist für uns nur noch ein gewisser Reginbert von Elsarn im Straßerthale, der wahrscheinlich ein Sohn von Helenas Tochter Richarda war und dem Stift die Kapelle in Elsarn und Güter in Tulbing übergab.

Wir können also das Ergebnis unserer Untersuchung über die Stifterfamilie etwa folgendermaßen zusammenfassen:

 

Die Verwandtschaft des Stifters Udalschalk und ihre Besitzungen:

'
Udalschalk Stammbaum.jpg
'
[5]

Der Ausbau der Stiftung

Die kleine Mönchsgemeinschaft wird wohl von Anfang an das Bedürfnis gehabt haben, ihre provisorischen Holzbauten durch solide Steinbauten zu ersetzen, aber die Einkünfte reichten offensichtlich nur für den Bau einer Marienkapelle, und auch dafür verwendete man nur den so genannten Groppenstein, ein poröses Konglomerat, wie es in nächster Nähe des Stiftes leicht und reichlich zu finden war. Adalbert Klaar, ein anerkannter Fachmann auf dem Gebiet der Baualtersbestimmung, nahm an, dass diese Kapelle im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts erbaut worden sei. Erst im 17. Jahrhundert kam für diese Marienkapelle zunächst der Name Stifterkapelle, dann der heutige Name Ritterkapelle auf. Man hielt sie nämlich damals für die Kapelle einer angenommenen richtigen Ritterburg Udalschalks.

Da der Mönch Leopold in einer Urkunde von 1121 bloß Prior genannt wird, scheint die junge Mönchsgemeinschaft zunächst noch ziemlich eng an Göttweig gebunden gewesen zu sein. Doch erlangte sie bald volle Selbstständigkeit, und Leopold wird bei seinem Tode als Abt bezeichnet. Unter dem zweiten Abt Siegfried scheint es eine Krise gegeben zu haben, denn er wurde bereits nach zwei Jahren abgesetzt, worauf es zu einer zwiespältigen Abtwahl kam.

Da griff jedenfalls der Neffe des Stifters, der damalige Bischof Reginbert von Passau, ein und ließ den Mönch Friedrich aus dem Kloster Mondsee nach Seitenstetten postulieren. Mondsee erfuhr gerade damals einen großen Aufschwung. Abt Konrad II. hatte aus seinem Mutterkloster Siegburg (zwischen Bonn und Köln) die Reform gebracht. 1145 wurde der energische Abt ermordet. Seitdem wird er als Seliger verehrt. Vogt des Stiftes Mondsee war damals Hartwig von Hagenau, der Bruder des Passauer Bischofs. Sehr wahrscheinlich hatte der Bischof auf diesem Wege erfahren, dass der Mönch Friedrich der rechte Mann sei, um in Seitenstetten wieder Ruhe und Ordnung zu schaffen. Er war es wohl auch und regierte das Stift 1141 bis 1168. Wie weit er in Seitenstetten die Siegburger Reform eingeführt hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Es könnte höchstens seinem Einfluss zuzuschreiben sein, dass von jetzt an die Seitenstettner Mönche eine ordentliche Seelsorge nicht mehr so konsequent ablehnten, wie es damals sonst bei den Benediktinern üblich war.

Dann musste Seitenstetten aber auch mehr Interesse an der Pfarre Wolfsbach gewinnen, in der das Kloster lag. Nun wollte Bischof Reginbert 1142 nach Rom reisen, hatte aber kein Geld, weil er, bevor er Bischof von Passau wurde, Propst des Chorherrenstiftes St. Pölten gewesen war und als regulierter Chorherr das Armutsgelübde abgelegt hatte. In dieser Verlegenheit nahm er das Gut Pfaffstetten - nach allgemeiner Annahme ist es Pfaffstetten bei Ravelsbach im Weinviertel -, das seine Eltern, also Reginbert von Hagenau und Helena, dem Kloster geschenkt hatten, zurück, verkaufte es an die Edlen von Anzbach und verwendete das Geld für die Romreise, überließ aber dafür dem Stift die Pfarre Wolfsbach mit ihren Filialkirchen Seitenstetten und St. Michael. Aus den Pfarren Aschbach und Wolfsbach entwickelten sich alle vierzehn Pfarren, die das Stift heute betreut. Außerdem überließ er dem Stift den Zehent von Sindelburg. Damit war dem Kloster viel besser gedient als mit dem entlegenen Pfaffstetten.

Selbst wenn Abt Friedrich in Seitenstetten die Siegburger Reform eingeführt haben sollte, so muss doch der Reformschwung bald vorüber gewesen sein, denn sein Nachfolger Grifro hielt es offensichtlich für unmöglich, in Seitenstetten nach seinen strengen Auffassungen zu leben, resignierte, nach fünf Jahren Amtszeit und trat in den damals viel strengeren Orden der Zisterzienser über.

Eine wesentliche Vermehrung seines Besitzstandes erhielt Seitenstetten unter dem folgenden Abt Konrad I. In mehreren Schenkungen vermachte nämlich der Erzbischof Wichmann von Magdeburg als letzter Graf von Seeburg (in Sachsen) und Gleiß (am Fuß des Sonntagberges) das ganze Gebiet der heutigen Pfarre Ybbsitz und einige weitere Güter dem Stift. Die Waldungen in Ybbsitz gehören ihm heute noch weitgehend. Für Seitenstetten selbst ist vor allem die Urkunde des Jahres 1185 wichtig, in der er dem Stift nicht nur das Lehen Polan (= Pöllau, Weidersdorf Straße Nr. 10) und einen Hof am Dachsbach (= Meierleiten, Biberbach Straße Nr. 1 und 2 ?) schenkte, sondern auch mehrere Bedingungen stellte: Zur Erinnerung an ihn und seine Eltern sollten die Mönche am Fest des hl. Lambert (17. September) eine reichlichere Mahlzeit erhalten und am folgenden Tag Gedächtnisgottesdienst feiern und 500 Brote an die Armen verteilen. Außerdem sollte in der Stiftskirche jeden Sonntag eine Messe zu Ehren des Hl. Geistes und jeden Tag eine Messe für Lebende und eine für Verstorbene gefeiert werden. Heute noch werden die tägliche Konventmesse und wöchentlich zwei weitere hl. Messen auf die Meinung des Stifters Wichmann gefeiert. Ebenso wird am 17. September immer ein Jahrtag für ihn und seine Verwandten gehalten. Wie es mit der Brotspende im Mittelalter gehalten wurde, wissen wir nicht. Im 17. und 18. Jahrhundert nahm sie aber wahrhaft barocke Formen und Ausmaße an. Man verteilte jetzt nicht nur Brot, sondern auch Rindfleisch. So wurden 1661, als dieser Brauch noch nicht den Höhepunkt erreicht hatte, in der Woche vom 11. bis zum 17. September in Ybbsitz fünf Ochsen und in der Seitenstettner Gegend vier Kühe gekauft und zusätzlich ein Ochs aus dem Meierhof geschlachtet. Am „Gespendetag“ wurden dann in diesem Jahr 4.083 Portionen Fleisch zu je einem halben Pfund verteilt. Um 1700 waren es manchmal über 9.000 Portionen. Um 1730 kam aber das Stift in Schwierigkeiten, weil es für die gekauften Ochsen einen „Fleischkonsum-Aufschlag“, also jedenfalls eine Steuer entrichten sollte. Daher wurde von 1731 an zwar weiterhin Brot, statt des Fleisches aber der entsprechende Geldbetrag ausgegeben. Ein Verkündzettel des Jahres 1731 schildert anschaulich den Vorgang dieses Gespendes: Von 12 bis13 Uhr läutete die große Glocke. Unterdessen begaben sich die Leute in den Meierhof. Dann wurde das Tor geschlossen (offensichtlich, damit jene, die schon eine Portion erhalten hatten, nicht noch einmal eintreten und sich anstellen konnten) und die Austeilung durchgeführt. 1773 hob Maria Theresia die „Spendtage“ auf und ab 1785 wurde auch in Seitenstetten das Gespende nicht mehr „an jeden, der daherkam“, sondern an die „Hausarmen“, also vermutlich an die armen und alten Stiftsbediensteten, ausgegeben. Dafür wurde 1775 immer noch der ansehnliche Betrag von 157 Gulden 30 Kreuzern aufgewendet. So erwies sich der Erzbischof Wichmann auf Jahrhunderte auch als ein ganz großer Wohltäter der Bevölkerung von Seitenstetten und Umgebung. [6]

Das Auf und Ab des Mittelalters

Die Zeit vor der Melker Reform

Bald nach 1200 gibt es die einzige ernstliche Schwierigkeit in der Seitenstettner Äbteliste. Nach dem Äbtekatalog aus dem frühen 14. Jahrhundert hat nämlich der tüchtige Abt Konrad I. von 1175 an 29 Jahre regiert. Damit kommen wir in das Jahr 1204. Ob er dann in Seitenstetten gestorben ist, wird nicht klar gesagt. Auf ihn folgte nach dem Äbtekatalog der Mönch Konrad aus Kremsmünster, der nach zwei Jahren Regierung gestorben sei. In der Melker Abtreihe findet sich ein Konrad II., der nach den Melker Annalen 1204 nur zwei Monate regierte und vorher Abt von Seitenstetten war. Er starb am 5. März 1204. In Kremsmünster regierte 1206 bis 1209 ein Abt Konrad I., der ebenfalls aus Seitenstetten postuliert worden war. Der Kremsmünsterer Chronist sagt ausdrücklich, dass er in Seitenstetten Abt war. Dann müsste er der Abt Konrad II. des Seitenstettner Äbtekatalogs sein. Dieser wäre dann 1206 nicht gestorben, sondern nach Kremsmünster gekommen. Weil der Kremsmünsterer Chronist sein Werk bereits bald nach 1215 schrieb, der Seitenstettner Äbtekatalog aber um mehr als 100 Jahre jünger ist, muss man der Kremsmünsterer Quelle den Vorzug geben. Dies umso mehr, als der Abt in Kremsmünster bereits 1209 wieder abgesetzt wurde. Es kann sein, dass er dann wieder nach Seitenstetten zurückkehrte und hier starb, so dass es sich bei der Angabe des Seitenstettner Äbtekataloges nur um eine Ungenauigkeit handelt.

Von Abt Dietmar I. ist an einer Urkunde, die wohl aus dem Jahre 1222 stammt, das älteste Siegel eines Seitenstettner Abtes erhalten. Abt Heinrich I. war vielleicht jener „Priester Heinrich“, der das prächtige Seitenstettner Evangeliar der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts der Gottesmutter widmete, das heute in der Pierpont-Morgan-Library in New York ist.

Um 1250 fiel das ganze Kloster, weil immer noch aus Holz, einem verheerenden Brand zum Opfer, den nur die Marienkapelle einigermaßen überstand. Ob sie vor dem Brand wirklich eine Holzdecke (für die es am Dachboden keine Hinweise gibt) hatte, wie meist angenommen wird, oder ob Gemäuer und Gewölbe nicht doch in einem entstanden (wie der spitzbogige Triumphbogen und die romanischen Wandsäulen nahe legen), könnte nur eine gründliche Bauuntersuchung klären. An einen Wiederaufbau der Stiftskirche wagte man sich anscheinend zunächst nicht. Man war nämlich zu sehr mit einem heftigen Streit mit dem Bistum Freising beschäftigt, das die Pfarren Waidhofen und Hollenstein an der Ybbs, ja anfangs sogar auch die Pfarre Aschbach forderte. 20 Urkunden über diesen Rechtsstreit, der sich von 1258 bis 1267 hinzog und sogar zeitweise zur Exkommunikation des Seitenstettner Abtes führte, sind noch vorhanden. Schließlich endete der Streit mit einem Vergleich: Seitenstetten behielt die Pfarre Aschbach und einen Teil der Zehente in den Pfarren Waidhofen und Hollenstein, verlor aber die Pfarrechte über diese zwei Orte.
Stif Seitenstetten Bauplan.jpg

1264 begann man endlich ernstlich den Bau der Stiftskirche und erbat vom Papst einen Ablass für Beiträge zum Wiederaufbau. Als Vorbild dienten frühe österreichische Bettelordenskirchen. Daher rührt die große Ähnlichkeit dieser frühgotischen Stiftskirche mit der Minoritenkirche von Stein bei Krems. Der Bau schritt äußerst schleppend voran, und als der damalige Abt Rudolf I. 1290 starb, war er erst bis zu den Fenstern gediehen. Auch die Konventgebäude wurden nur aus Holz errichtet, und wenn auch der Äbtekatalog behauptet, sie seien, „recht schön“ gewesen, so müssen wir doch sagen, dass der ärmste Bauer in der Treffling im 20. Jh. einen viel höheren Lebensstandard hatte als die damaligen Patres des Stiftes. Das hinderte aber den Abt nicht, eine kostspielige Hofhaltung zu führen, wobei nach dem Äbtekatalog vor allem an Tafelfreuden und Pferdehaltung zu denken ist.

Dafür war der folgende Abt Konrad (1290 bis 1308) ein ausgezeichneter Wirtschafter, der dem Stift manchen Besitzzuwachs gewann und den Besitzstand durch das noch erhaltene älteste Urbar sicherte. Er brachte nun endlich den Bau der Stiftskirche samt dem Turm zum Abschluss. Weil aber inzwischen der gotische Stil vorgeschritten war, macht das Hauptschiff der Stiftskirche auch einen viel gotischeren Eindruck als das Hauptschiff der Steiner Minoritenkirche. Abt Gundaker (1318 bis 1324) verfasste eine Gründungsgeschichte des Stiftes und verzeichnete seine Urkunden in einem Kopialbuch. Dadurch ist uns manche Urkunde im Wortlaut erhalten, deren Original inzwischen verloren gegangen ist. Seit 1318 sind auch die meisten Professurkunden erhalten. Mit Abt Ottaker (1324 bis 1328) begann eine Reihe von Äbten, die aus dem niederen Adel der näheren oder entfernteren Umgebung stammten. Er selbst gehörte zum Geschlecht der Stiller, die zwar nicht vom Stiftergeschlecht selbst abstammten, aber für das Stift die Burg Still in Oberösterreich hüteten. Dort sind sie bis 1277 nachweisbar und tauchen dann plötzlich in der Seitenstettner Gegend, vor allem als Passauer Burghüter zu Gleiß, auf.

Sein Nachfolger, Abt Dietrich II. Perleitter, gehörte einem Kleinadelsgeschlecht an, das sich nach seinem Sitz Pauleiten in der Gemeinde Zeillern nannte. In dieser Zeit zeigten sich deutliche Spuren eines Verfalles der Disziplin im Kloster. Es gab Raufhändel, Privatbesitz und Gehorsamsverweigerungen. Die Schuldigen verfielen sogar dem Kirchenbann. Doch bereuten sie ihre Vergehen, und der Abt erhielt von Papst Benedikt XII. 1335 die Vollmacht, sie vom Kirchenbann loszusprechen.

Im Allgemeinen ist aber doch eine Aufwärtsentwicklung festzustellen. Hatte nämlich der Konvent 1278 nur 15 Mitglieder gezählt, so waren es 1347 22 Mitglieder. Da brach ein neuerliches Unglück über das Kloster herein: 1348 brach durch einen schadhaften Kamin in der Klosterküche Feuer aus, griff aufs Dach über, das jedenfalls noch ein Schindeldach war, schmolz die Glocken im Turm und zerstörte alle Gebäude des Klosters außer Kirche, Sakristei und Marienkapelle. Der damalige Abt Dietmar II., der bereits todkrank war, tröstete die Mitbrüder, er habe ohnehin das baufällige Kloster neu bauen wollen und dafür bereits die nötige Summe von 1.000 Pfund Pfennigen beisammen. Sein Nachfolger Ekfrid aus dem Geschlecht der Schirmer, das uns noch in der Reihe der Hofrichter begegnen wird, baute zwar nicht, vermehrte aber diese Summe um 100 Pfund.

Der nächste Abt, Rudolf II. (1350 bis 1354), sparte nicht und baute wenig. Als er abgesetzt wurde, stand erst ein steinerner Vorbau beim Kreuzgangtor und eine Mauer bis zum Getreidespeicher, die hohe Summe von 1.100 Pfund war aber verbraucht. Dennoch wurde gerade dieser Abt später noch interessant, denn 1969 kam das Bogenfeld des Kreuzgangtores, das in den steinernen Vorbau führte, zum Vorschein und zeigte links das Wappen des Stiftes in Farben, rechts einen Schild mit der Initiale R, wodurch gesichert ist, dass es sich um diesen Bau des Abtes Rudolf um 1350 handelt und dass es schon damals das Stiftswappen gab, das bisher in Farben erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts durch ein Glasfenster in der Gemäldegalerie bezeugt war.

Es ist eine Abwandlung des Göttweiger Stiftswappens. Während Göttweig ein weißes Steckkreuz in rotem Feld auf grünem Dreiberg hat, womit man wohl sagen wollte, dass bei der Gründung des Stiftes das Kreuz auf dem Göttweiger Berg aufgesteckt worden sei, hat Seitenstetten ein weißes Astkreuz in rotem Feld auf grünem Dreiberg. Dieses besteht: aus einem aufstrebenden Pfahl und einem schrägen Querbalken mit zwei Paar Aststumpen. Man wollte damit wohl sagen, dass bei der Gründung des Stiftes Seitenstetten der Klosterberg gerodet und dabei ein aus einem gefällten Baum roh gezimmertes Kreuz aufgerichtet worden sei. Man hatte also damals noch eine Ahnung, dass das Stift Seitenstetten ursprünglich mit Göttweig zusammenhing, scheint aber Seitenstetten ähnlich wie manche Zisterzienserklöster für ein Rodungskloster gehalten zu haben.

Abt Engelschalk, der 1354 bis 1385 regierte, ließ nun endlich einen soliden Klosterbau errichten. Alle Mauern des Schlafraumes und des ganzen Kreuzganges (nördlich der Kirche) wurden von Grund auf neu erbaut. Auch wurde das Kloster jetzt mit Ziegeln gedeckt. Erhalten ist von diesem hochgotischen Klosterbau das schöne Portal mit der Krönung Mariens im Bogenfeld, das vom ehemaligen Kapitelsaal in den Kreuzgang führte. Auch der Turm dürfte damals um ein Stockwerk erhöht und mit hohen gotischen Fenstern versehen worden sein.

Vergleiche mit anderen Stiftsbauten, vor allem mit St. Peter in Salzburg, und mit frühbarocken Abbildungen des Stiftes ermöglichen uns eine ziemlich gute Vorstellung von der Raumverteilung dieses immer noch sehr bescheidenen und auf die Nordseite der Kirche beschränkten Klosterbaues: Wahrscheinlich führte beim heutigen Dreifaltigkeitsaltar eine Tür von der Kirche in den Kapitelsaal, der ungefähr quadratisch angelegt und dessen Gewölbe von einer Mittelstütze getragen worden sein dürfte. Vom Kapitelsaal ging es ebenerdig nach Osten in die Marienkapelle, nach Westen durch das schöne Portal in den Kreuzgang. Über dem Kapitelsaal oder zwischen Kapitelsaal und Kirchenhauptschiff lag wohl die Sakristei. Von hier gelangte man im ersten Stock ins Armarium, wie man damals die Bibliothek nannte. Im Osten war an den Kreuzgang die Infirmarie, der Krankentrakt, parallel zur Ritterkapelle angebaut. An der Nordseite des Kreuzganges befand sich die Küche und blieb dort bis zur Auflassung der Konventküche 1958; in deren Nähe lag sicher auch das Refektorium, der Speisesaal des Konventes. Über der Küche befand sich im ersten Stock das Dormitorium, der Schlafraum. An der Westseite des Kreuzganges lag die Pforte mit den Gasträumen. Ungefähr an der Nordostecke des heutigen Konventbaues waren ein Fischkalter zum Frischhalten gefangener Fische und ein kleines Badehaus an diesen angebaut. Beides befand sich bereits im Stiftsteich, der zumindest seit dem 15. Jahrhundert auch das Gelände der heutigen Turnhalle völlig bedeckte.

Wahrscheinlich erwarb das Stift unter Abt Engelschalk auch die so genannte Sonntagberger Madonna, ein Meisterwerk der edelsten Gotik. Da sie schon vor der frühesten Gottesdienststätte am Sonntagberg entstand, muss sie zuerst anderswo aufgestellt gewesen sein. Dann aber ist es doch am wahrscheinlichsten, dass sie für Seitenstetten geschaffen wurde. Heute befindet sie sich in der österreichischen Galerie in Wien.

Der nächste Abt war Laurentius von Meilersdorf (1385 bis 1419). Er gehörte also jenem Rittergeschlecht an, das in Meilersdorf nördlich von Wolfsbach seinen Sitz hatte. In die Zeit von 1386 bis 1398 ist die sehr sorgfältige Handschrift des zweitältesten Seitenstettner Urbares zu datieren, wie der Herausgeber Dr. Floßmann gezeigt hat. Rudolf Büttners Versuch, seine Entstehung mit  P. Petrus Ortmayr in die frühe Zeit des Abtes Engelschalk zu verlegen, enthält keine stichhaltigen Argumente gegen Dr. Floßmann.[7]

Die Melker Reform und ihre Folgen

Auf Betreiben des Herzogs Albrecht V. und des Papstes Martin V. war 1418 in Melk die strenge Disziplin des Klosters Subiaco eingeführt worden. Dasselbe sollte nun durch Visitationen auch in den übrigen Benediktinerstiften durchgeführt werden. 1419 kam eine aus Abt Angelus von Rein, Prior Leonhard von Gaming sowie den zwei reformierten Melker Benediktinern Prior Petrus (von Rosenheim) und Mönch Johannes bestehende Kommission nach Seitenstetten, um hier die Reform durchzuführen. Die Visitatoren fanden zwar nicht wirklich skandalöse Zustände, hatten aber vieles auszusetzen, was nicht der Ordensregel entsprach. Der greise Abt Laurentius von Meilersdorf sah sich nicht mehr imstande, die Reformbestimmungen durchzusetzen, resignierte und starb ein halbes Jahr später am 1. September 1419. An seine Stelle trat der Seitenstettner Professe Stephan (1419 bis 1422). Sonst aber dürfte diese Visitation keine nachhaltige Wirkung gehabt haben. Man vergaß sogar die Visitationsurkunde. Das war umso leichter möglich, als auch der nächste Abt Thomas Chersperger, wiederum aus einem Kleinadelsgeschlecht, bereits 1427 von einer Art Pest hinweggerafft wurde.

In jene Zeit fällt eine erste spätgotische Welle der Bautätigkeit auf verschiedenen Stiftspfarren, z. B. in Ybbsitz, Biberbach, Krenstetten. Sie war sehr konservativ und behielt noch immer das alte System mit Kreuzrippengewölben bei. Von Abt Johannes Irrnfrid, der wahrscheinlich vom heutigen Schrammelhof in Aschbach stammte, sagt nun der Äbtekatalog, er habe die Basilika, also die Stiftskirche, über dem Chor erbaut, jedoch ohne Altäre und Pflaster. Der sehr unbestimmte Ausdruck „Basilika über dem Chor“ hat zu verschiedenen Deutungen geführt. P. Martin Riesenhuber verstand darunter die zwei östlichen Joche des Langhauses, in dem sich das Chorgestühl befand und Ortmayr Decker schlossen sich ihm an. In Wirklichkeit ist damit der 5/8-Schluss des Hochaltarchores mit seinen mächtigen, mehrfach abgestuften Strebepfeilern gemeint, der den bisherigen geradlinigen Abschluss ersetzte. Dabei achtete man sorgfältig darauf, diese Erweiterung des Presbyteriums an den Stil der Stiftskirche anzupassen.

Im Februar 1431 kommt eine siebenköpfige Visitation nach Seitenstetten, um endlich auch hier die Melker Reform durchzusetzen. Sie haben eine Menge zu rügen, insbesondere zu wenig Eifer für das Chorgebet, zu reichliche Mahlzeiten, vor allem zu viel Fleischgenuss, es gebe Privateigentum, vor allem bei den Patres, die Pfarrseelsorge übten. Das Schweigen, die Handarbeit, den gegenseitigen Tischdienst übten die Brüder zu wenig. Schuld- und Leidtragender war natürlich auch diesmal wieder der Abt. Es wurde ihm ein P. Michael aus dem Stift Lambach als Koadjutor an die Seite gestellt. Schließlich legte er seine äbtliche Würde und Bürde überhaupt nieder.

Jetzt ernannte der Diözesanbischof Leonhard von Passau den Prior Benedikt des Wiener Schottenklosters zum Abt von Seitenstetten. Er scheint nun doch mit der Durchführung der Melker Reform Ernst gemacht zu haben. Er ließ nämlich zwei größere Fischteiche anlegen, weil sich die Melker Reform im Kampf gegen den Fleischgenuss der Mönche nicht genug tun konnte, am Fischgenuss aber nichts auszusetzen hatte. So entstanden mit der Zeit sieben Teiche im Norden und Osten des Stiftes: der Dachsbach-, Meierleiten-, Bürgerweide-, Lehensweide-, Kälberweideteich und zwei Klosterteiche bei St. Veit. Entscheidender war für die Zukunft, dass Abt Benedikt I. am Sonntagberg eine Kapelle, wahrscheinlich zu Ehren der Heiligsten Dreifaltigkeit, erbauen und weihen ließ.

Bei der Wahl des nächsten Abtes, Christian von Kolb, der vielleicht zur Familie der Kolb auf Kröllendorf gehört, fanden sich 1441 14 Brüder ein. Der Konvent war also in den letzten hundert Jahren beträchtlich kleiner geworden. Daher ordneten 1448 der Chorherr von St. Florian Wolfgang Kcherspeckh und der Passauer Domherr Heinrich von Baruth im Auftrag des Bischofs an, die Klosterpfarren, ausgenommen Ybbsitz, durch Weltpriester betreuen zu lassen, die Sonntagberger Kapelle der Pfarre Allhartsberg zu unterstellen und die Klosterämter durch verlässliche Laien verwalten zu lassen. An diese Weisungen hielt man sich rund 200 Jahre, obwohl sich daraus bald große Schwierigkeiten ergaben.

Man darf aber auch die sehr positiven Auswirkungen der Melker Reform nicht übersehen. Das religiöse Leben im Stift und in den Pfarren blühte kräftig auf und vermochte der Reformation lange standzuhalten. Durch die Verbindung der Melker Reform mit der Universität Wien wurde das wissenschaftliche Leben sehr gefördert. Handschriften und Wiegendrucke wurden in größerer Zahl erworben, so dass es unter Abt Kilian Heumader (1477 bis 1501) erstmals zu einer größeren Büchersammlung kam, die man auch im heutigen Sinne als Bibliothek bezeichnen kann. Auch bedeutende Kunstwerke wurden angeschafft. Gewiss können wir nur von den wenigsten Resten der gotischen Kunst in der Gemäldegalerie nachweisen, dass sie von Anfang an dem Stift gehörten, auch nicht von den drei prächtigen Skulpturen eines Bischofs, des hl. Florian und des hl. Sebastian, doch ließ Abt Kilian sicher die zwei herrlichen Stifterscheiben für die Emporenkapelle der Ybbsitzer Pfarrkirche herstellen, und auch das einzigartige silberne Rauchfass war bereits 1525 im Besitz des Stiftes. Außerdem ließ Abt Kilian eine Orgel bauen und im Chor der Stiftskirche ein Sakramentshäuschen errichten.

Der Ungarneinfall des Matthias Corvinus dürfte den Anlass gegeben haben, dass Abt Kilian im Westen einen zinnen bewehrten Torturm errichten und vom Klosterfriedhof, der an der Südseite der Abteikirche lag, bis zur Infirmarie eine Mauer aufführen ließ. In Verbindung mit der erwähnten Mauer des Abtes Rudolf II. dürfte jetzt das Stift allseits, wenn auch nur niedrig, ummauert gewesen sein. Immerhin tat die Mauer ihren Dienst, denn es drangen weder die Ungarn noch später die türkischen Streifscharen der Akindschi ins Stift ein. Umso mehr wüteten sie ringsum im Lande, wodurch das Stift wirtschaftlich in Schwierigkeiten geriet. Diese Finanznot wurde durch riesige Türkensteuern noch erhöht.

Eine rechtliche Besserstellung erreichte Abt Andreas von Wolkersdorf (1501 bis 1521) im Jahre 1517: Papst Leo X. verlieh ihm und seinen Nachfolgern das Recht der Pontifikalien, so dass sie jetzt nicht bloß wie immer schon den Stab, sondern auch Mitra und Ring tragen und Pontifikalämter halten durften. Außerdem wurden in diesem Jahr die Pfarren Aschbach und Wolfsbach durch päpstliche Bulle dem Stift inkorporiert und darin auch eigens das Recht verbrieft diese Pfarren mit Patres des Stiftes zu besetzen. Eine letzte Auswirkung der Melker Reform war es wohl, dass der nächste Abt Heinrich III. Sues zwischen den zwei vordersten Jochen des Langhauses in der Stiftskirche einen so genannten Lettner einziehen ließ. Es war dies ein nicht allzu hoher Gewölbebau, auf dem das Chorgestühl aufgestellt wurde. Dem Volk war dadurch der Blick ins Presbyterium verwehrt. Es konnte dem Konventgottesdienst nur zuhören, nicht zusehen. Für das Volk war gegen das Langhaus hin ein Kreuzaltar aufgestellt. Der Grund für diese Zweiteilung der Stiftskirche war wohl auf der einen Seite eine Zunahme der Kirchenbesucher, wodurch die alte Pfarrkirche St. Veit zu klein wurde, andererseits aber auch das Bemühen, den strengen Klausurvorschriften der Melker Reform zu entsprechen.[8]

Die Neuzeit und ihr neuer Geist

An einem Abgrund vorbei - Reformation und Gegenreformation

Zwei Glockeninschriften lassen uns ahnen, wie allmählich auch in Seitenstetten der Geist der Reformation einsickerte: 1535 schaffte der Abt Johann Eyspain eine große Glocke an; sie ist auch heute wieder die größte Seitenstettner Glocke und trägt als Inschrift den ersten Teil des „Gegrüßet seist du Maria“. Das dürfen wir wohl schon als eine Reaktion auf die Vorwürfe der Protestanten gegen die Marienverehrung auffassen. Der nächste Abt Johannes III. Wolfspecker - er stammte also sicher aus Wolfsbach - musste bereits nach einem Jahr wegen eines Ärgernisses abdanken. Schon, künden sich also kommende Stürme an, doch ist auch der nächste Abt noch treu katholisch. Abt Gregor Danhamer lässt nämlich 1551 eine mittelgroße Glocke gießen und mit dem Bild Mariens versehen. Die Inschrift aber lautete: „Alain Got Die Er.“ Das aber war der Kampfruf der Protestanten gegen die Marienverehrung. Offensichtlich wollte der Abt durch die Verbindung von Marienbild und obigem Glockenspruch beteuern, dass die katholische Marienverehrung nicht leugne, dass Gott allein die Anbetung gebühre. (Die Glocke ist 1907 zersprungen.)

Auch Abt Georg Sugel aus Ramsau, Pfarre Strengberg, hielt dem Sturm noch stand, obwohl es zu seiner Zeit (1552 bis 1565) in anderen Stiften, ja selbst auf Pfarren Seitenstettens mit der Ehelosigkeit und dem Glauben der Geistlichen schon schlecht bestellt war. Wäre er nicht treu katholisch gewesen, so hätte ihm der Dichter Johannes Frey aus Nürnberg sicher nicht einen Zyklus von Gedichten zu den Marienfesten gewidmet, der uns noch im Abschnitt über das höhere Schulwesen interessieren wird. 1561 zählte der Konvent noch dreizehn. Mitglieder.

Dann aber geht es rasch bergab. 1566 zählt der Konvent sieben Mitglieder, der älteste von ihnen ist 28 Jahre alt. Sie haben ein Jahr vorher den 23-Jährigen Elias Portschens zum Abt gewählt. Er schämte sich, das Ordensgewand zu tragen, ließ beim Gottesdienst willkürliche Änderungen einreißen und das Latein in Schule und Gottesdienst vernachlässigen. Außerdem verstand er nicht zu wirtschaften. Zum Glück war inzwischen dem sonst gegen die Protestanten sehr toleranten Kaiser Maximilian II. klar geworden, dass man von untergegangenen Klöstern keine Steuern erwarten könne. Er setzte 1566 eine Kommission ein, die auch Seitenstetten visitierte, im folgenden Jahr erließ er an die Prälaten Nieder- und Oberösterreichs eine so genannte Generalreformation, die bis in kleinste Einzelheiten Anweisungen zur Besserung der Lage gab. Abt Kaspar Plautz schrieb zwar auf diesen Akt 1617 die kritische Bemerkung: „Jeder Abt reformiere sich selbst, dann wird er solcher Mätzchen von Weltleuten nicht bedürfen“, fügte aber dann doch hinzu, dass er eine gute Anweisung für die Verwaltung der zeitlichen Güter sei. 1568 wurde zur Durchführung der Instruktion der kaiserliche Klosterrat eingesetzt. Er erwies sich in den folgenden Jahrzehnten als eine wahre Zwangsjacke für die Stifte, war aber doch von ganz entscheidender Bedeutung für ihre Rettung.

Bereits am 6. April 1568 kam Abt Urban Perntaz von Melk, der selbst einst in Seitenstetten die Ordensgelübde abgelegt hatte, nach Seitenstetten, um die Durchführung der Reform zu überprüfen. Abt Elias ließ sich zunächst zu einer Gehorsamserklärung herbei, widerrief sie aber bald und bat um Enthebung von seinem Amte. Am 6. Mai schickte der Klosterrat den Melker Prälaten abermals nach Seitenstetten, um nach dem Rechten zu sehen, am 8. Mai war er bereits hier und setzte seinen Prior Domitian Egartner als Administrator ein. Der Hofrichter Klemens Lampl und andere ungetreue Angestellte wurden entlassen, Abt Elias dürfte selbst ausgetreten sein. Wir finden ihn 1587 als protestantischen Pfarrer in Weistrach und 1598 als lutherischen Prädikanten in Steinakirchen am Forst, wo er abermals abgesetzt wurde.

Nach dem Fortgang des Abtes Elias wurde nun Domitian Egartner Abt; er bewährte sich gut, starb aber schon 1570. Der Passauer Bischof ließ nun den Gleinker Abt Michael Bruckfelder als Abt einsetzen. Das erwies sich aber als arger Fehlgriff. 1572 ließ sich der Abt in Sindelburg von einem protestantischen Prädikanten mit der Ziehtochter eines anderen Prädikanten trauen. Außerdem ließ er einiges stiftliches „Silbergeschirr“ und anderes „Heiratsgut“ in drei „Steigen“ zum Pfarrer nach Sindelburg schaffen. Der Klosterrat schaltete rasch, ließ durch eine neuerliche Visitation den Tatbestand aufnehmen und ordnete die Verhaftung des Abtes an. Dieser stellte sich aber unter den Schutz eines protestantischen Schlossherrn. 1577 wirkte Bruckfelder als lutherischer Prediger in Loich, dann war er lutherischer Pfarrer in Kirchberg an der Pielach, wo er noch 1585 genannt ist, und kam immer mehr ins Fahrwasser der extremen protestantischen Richtung der Flacianer.

Diesmal setzte der Klosterrat einen Abt ein. Es war Christoph Held aus Ingolstadt, damals Pfarrer in Falkenstein im Weinviertel. Er hatte in Kremsmünster Profess gemacht. Auch er musste erst langsam in den Geist der katholischen Reform hineinwachsen. Vielleicht wollte er auch seinen Konvent nicht überfordern. Jedenfalls waren die Visitationen von 1573 und 1575 mit den Zuständen im Stift noch gar nicht zufrieden. Um 1580 beginnt er aber den protestantischen Pfarrern und Schlossherrn der Umgebung energischen Widerstand zu leisten. Nach einem langen Prozess kommt er 1581 mit der Bürgerschaft Seitenstettens ins reine. 1597 heben die Bauern den Schlossherrn Seemann von Mangern in St. Peter in der Au aus und belagern nun auch das Stift. Der Abt, der nach einem noch vorhandenen Hinterglasbild selbst eher einem Bauern als einem Prälaten gleichsah, wusste mit ihnen umzugehen: Er ließ ihnen eine kräftige Jause aus Brot und Wein reichen; da ließen sie das Stift ungeschoren. 1599 gab es in Seitenstetten eine großartige Fronleichnamsprozession. Als der Abt 1602 starb, hatte er das Kloster nach unsäglichen Mühen gerettet.

Doch blieb ihm nichts anderes übrig, als seinem Nachfolger Bernhard Schilling, einem Melker Professen, eine schwere Schuldenlast zu hinterlassen. Dieser war daher zu äußerster Sparsamkeit gezwungen. Nur den Turm der Stiftskirche ließ er nach Melker Vorbild mit barocken Kuppeln versehen. Es ist dies das erste Zeugnis der neuen Kunstrichtung in Seitenstetten. Doch sein Nachfolger Kaspar Plautz (1610 bis 1627), der Sohn eines Grazer Hoftrompeters, dessen Familie aber in den rittermäßigen Adelsstand aufstieg, und Professe des Klosters Garsten, war noch ein richtiger Renaissancemensch, ja der einzige Abt Seitenstettens, der diesen Typ verkörperte. Als energischer Mann focht er manchen Streit mit den protestantisierenden Bürgern von Aschbach und mit protestantischen Schlossherrn aus, ließ 1614 am Sonntagberg das Gnadenbild der Heiligsten Dreifaltigkeit anbringen, um protestantische Vorwürfe wegen eines angeblichen Steinkultes zu entkräften, und sorgte auch im Kloster für Disziplin. 1619 gab er sogar Leben und Regel des hl. Benedikt heraus. Auch eine Rede zur Reform des Stiftes gab er in Druck. Die Kleriker ließ er bei den Jesuiten in Graz und Wien, ab 1626 aber an der neu gegründeten Benediktiner-Universität Salzburg studieren.

Als Renaissancemenschen verraten ihn aber seine Privatinteressen: Er bastelte eine Sonnenuhr, liebte Chemie und Alchimie, richtete in Seitenstetten ein Destillatorium ein und suchte den Stein der Weisen zu entdecken, schwärmte für exotische Dinge und gab 1621 eine aufwendige lateinische Beschreibung der zweiten Reise des Christoph Kolumbus nach Amerika heraus, pflanzte im Konventgarten für die damalige Zeit ganz exotische Pflanzen wie Kartoffel und Topinambur, ließ auf alles und jedes, ob es nun ein Kelch oder Weihwasserbecken oder Chorbuch oder auch sein Bettgestell war, sein Wappen setzen und sogar eine Denkmünze aus vergoldetem Silber, natürlich mit seinem Bild und Wappen prägen, obwohl das Stift bis zum Hals in Schulden steckte. Trotzdem vergaß er nicht seinen Wahlspruch, es sei höchster Adel, Gott zu dienen.[9]

Das Stift im barocken Baufieber

Abt Placidus Bernhard - schon sein Name „der sanfte Bernhard“ ist ein barockes Wortspiel -, der Sohn eines fürstlichen Hofkochs in München, der sich während des Bauernaufstandes als Prior in Kremsmünster bewährt hatte, brachte aus seinem Mutterkloster nicht nur den Brauch der Ordensnamen, sondern auch den Geist eines großzügigen Bauherrn mit. Es nützte daher wenig, dass der Hofrichter Laurenz Netzel von Grünau ein groß angelegtes Haupturbar (1122 Seiten in Großfolio!) anlegte, um alle Einkünfte des Stiftes festzuhalten und zu sichern: das Stift blieb trotzdem in den Schulden stecken.

Der Abt ließ nämlich in der Kirche den störenden Lettner abtragen und dafür den etwas weniger störenden heutigen Orgelchor einbauen und links und rechts vom Presbyterium barocke Kapellen errichten. Außerdem schaffte er beim Bildhauer Wendelin Perg von Passau und seinem Nachfolger Hans Seitz einen Hochaltar, Altäre für die zwei neuen Kapellen und eine Kanzel an. Von der Großartigkeit dieser Kircheneinrichtung erhalten wir durch die Kanzel eine Ahnung, die seit 1703 in Krenstetten steht. Der Kapitelsaal wurde zugeschüttet und darüber eine Sakristei, das heutige Beichtzimmer, gebaut. Auf Kosten der Schlossherren von Salaberg wurde im Süden an die Kirche eine Gruftkapelle für ihre Familie mit einem Altar der hl. Barbara angebaut. Außerdem war der Konventbau schon so desolat, dass Abt Placidus Bibliothek, Abtwohnung, Schlaf- und Speisesaal der Patres neu errichtete. Ebenso musste er, weil er den alten zugeschüttet hatte, einen neuen Kapitelsaal schaffen. Erhalten ist davon nur mehr der 1890 zum Winterchor umgestaltete Kapitelsaal. Bedenkt man, dass er auch den Meierhof neu baute, einen Hofgarten anlegte, die geschmackvolle Einrichtung der Pfarrkirche St. Michael am Bruckbach anschaffte und für den Sonntagberg einen neuen Hochaltar besorgte, der heute in Allhartsberg steht, dann versteht man, dass ihm die Moneten ausgingen. Das hinderte ihn aber nicht, (wahrscheinlich 1643 bei Hans Seitz in Passau) das kostbare Elfenbeinkruzifix anzukaufen, das heute das Skulpturenkabinett ziert. Es war ein Glück, dass sein Nachfolger diese Schulden zahlte.

Dieser hieß Gabriel Sauer und stammte aus Talfingen bei Neu-Ulm, hatte, aber die Profess in Seitenstetten abgelegt. Er gehörte also zu den vielen Bayern und Schwaben, die vor dem Druck der Protestanten und der Schwedengefahr nach Österreich auswichen und hier die Klöster bevölkerten. So waren unter den 82 Mönchen, die 1565 bis 1685 in Seitenstetten Profess machten, nicht weniger als 50 aus Deutschland. Abt Gabriel (1648 bis 1674) stoppte zunächst einmal die Bautätigkeit. Nur das Chorgestühl für den Betchor der Mönche ließ der fromme Abt 1652 mit reichem Knorpelwerk schnitzen. Auch schuf er 1651 die Konventgruft unter dem Hochaltar. Um die Wirtschaft zu sanieren, brach er mit einem weiteren Grundsatz der Melker Reform, nachdem schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts die Pfarren systematisch von Patres des Stiftes betreut wurden: Er besetzte auch die Wirtschaftsämter des Kämmerers (zentralen Rechnungsführers) und Schaffners (Ökonomen) mit Patres. Als die Wirtschaft saniert war, begann auch er großzügig zu bauen. 1660 errichtete er den mächtigen »Kasten« zur Einlagerung des Getreides, das die Untertanen lieferten.

Die Madonnenstatue aus Alabaster, die Abt Gabriel für den »Kasten« anschaffte, krönt heute das Portal des Meierhofes. 1666 bis 1674 ließ er ungefähr im Westteil des heutigen großen Stiftshofes ein so genanntes „Neugepäu“ aufführen, das vor allem für Gäste bestimmt war. Dazu kam ein wuchtiger Portalturm mit Barockkuppel anstatt des alten gotischen Wehrturmes. 1673 errichtete er die heutige Sakristei im Süden der Stiftskirche und stattete sie reich mit Schränken aus. Aus diesem Jahr stammt auch die heutige Gruftkapelle. Mehrere Gemälde und Kupferstiche geben uns ein klares Bild von dem Aussehen, das das Stift unter Abt Gabriel erhalten hatte.

Abt Adam Piringer aus Amstetten (1674 bis 1679) ließ im Sommer 1677 die bunten gotischen Glasfenster durch „durchsichtige“ Scheiben ersetzen und die ganze Kirchendecke vom Seitenstettner Maurer Stephan Ober mit Stuckaturen verzieren. Die Entfernung der gotischen Scheiben ist gewiss ein schwerer Verlust. Sie entsprang aber dem Bedürfnis nach einem helleren Kirchenraum, damit die Leute, weil die Schulbildung immer allgemeiner wurde, in ihren Gebetbüchern lesen konnten.

In Abt Ambros Marholts Regierungszeit fielen die Sorgenjahre der Pest 1679 und des Türkeneinfalles 1683. Seitenstetten blieb von beiden verschont, und die Mannschaft von 150 Mann, die unter dem Kommando des Hofrichters Johann Christoph Schneider zur Verteidigung des Stiftes aufgestellt und ausgerüstet worden war, konnte bald, ohne einen Feind gesehen zu haben, abziehen. Abt Ambros schaffte auch die großen Chorbücher an, die bis zur Umstellung des Chorgebetes auf Deutsch verwendet wurden. Im Übrigen aber war er eher weniger ausgabenfreudig, und der Kämmerer konnte bald Jahr für Jahr einen schönen Überschuss an Dukaten dem Abt übergeben, damit er sie für Notzeiten im „eisernen Trüherl“, das sich heute im Archäologischen Kabinett befindet, hinterlege.

Abt Benedikt Abelzhauser (1687 bis 1717) war von der gütigen Vorsehung dem Stifte geschenkt und erhalten worden. Wie es ihn von München nach Seitenstetten verschlug, wissen wir nicht. 1669 bis 1670 war der hochbegabte Mann Dekan der Theologischen Fakultät Salzburg und Leiter des fürsterzbischöflichen Priesterseminars, das sich damals gegenüber dem heutigen Haus der Natur am Fuß der Mönchsberggstetten befand. Als 1669 ein Felssturz dieses Seminar vernichtete, entging er dem Tod, weil er gerade auf einer Wallfahrt nach Einsiedeln weilte. Unter Abt Adam war er Prior, unter Abt Ambros Superior am Sonntagberg. Er ließ 1705 Jakob Prandtauer mit dem Bau der Sonntagberger Kirche beginnen.

In Seitenstetten wandte der fromme Mann seine ganze Sorge der Stiftskirche zu: 1690 wurde die Benediktakapelle eingerichtet und die Reliquie der hl. Benedikta, die der Abt aus den römischen Katakomben zum Geschenk erhalten hatte, in einem großartigen Festzug von St. Veit in die Stiftskirche übertragen und auf ihrem Altar aufgestellt. Es war der Höhepunkt der Barockzeit in Seitenstetten. 1695 wurde die Kreuzkapelle neu ausgestattet. Dann wurden der Reihe nach sämtliche Altäre der Stiftskirche durch neue ersetzt, die heute noch zu ihrer Einrichtung gehören. Hochaltar und Kanzel, die seit der letzten Restaurierung in neuem Glanz erstrahlen, machen uns verständlich, dass man damals die Stiftskirche eine „goldene Kirche“ nannte. Eine ganze Anzahl Künstler wirkte bei dieser Ausstattung mit. Unter den Plastikern nahm Franz Joseph Feichtmayr aus Linz den ersten Rang ein, unter den Malern Johann Karl von Reselfeldt mit seinem großartigen Hochaltarbild. Im Stiftshof war bereits 1690 ein großer Brunnen aufgestellt worden, dessen Madonna auch den heutigen Stiftsbrunnen ziert. 1702 wurden im Hauptschiff die bisher leeren Deckenfelder von Johann Ritsch aus Säusenstein mit Gemälden der Apostel, Evangelisten und Kirchenväter geschmückt. Ebenso erhielten die Deckenfelder der beiden Seitenschiffe (im Südschiff heilige Frauen, im Nordschiff heilige Männer), in der Benedikta- und Kreuzkapelle und unter der Orgelempore Gemälde. Mögen sie auch künstlerisch nicht hochwertig sein, so erhalten wir durch ihre Aufdeckung doch Kenntnis von einem systematisch durchkonzipierten barocken Gemäldezyklus mit über 100 Bildern, nicht selten mit sehr entlegener und gerade deshalb interessanter Thematik. Zum Goldenen Priesterjubiläum des Abtes 1711 erhielt die Kirche das heutige Hauptportal und ein schweres Geläute, wofür eigens ein weiteres Geschoß auf den Turm aufgesetzt wurde, um diese großen Glocken unterzubringen. Matthias Prininger in Krems goss die Glocken 1709. Die zweitgrößte Glocke dieses Geläutes ist heute noch erhalten.

Der fromme Abt Benedikt mit seinen aszetischen Zügen hatte den Konventbau vernachlässigt, um alle Mittel für die Ausstattung der Kirche zu verwenden. Sein Nachfolger, Abt Ambros Prevenhueber aus obersteirischem Eisenadel, begann daher 1718 sofort mit dem Neubau des Konventes. Für die Planung und Bauleitung wurde Joseph Munggenast gewonnen. Offensichtlich war man der unübersichtlichen Winkel, die durch die vielen An- und Zubauten der frühbarocken Zeit entstanden waren, überdrüssig. Munggenast legte daher ein ganz klares und übersichtliches Konzept vor: einen großen Vierkanter (160:90 m), dessen Zentrum die alte Stiftskirche bilden sollte, die durch zwei Querarme mit dem Vierkanter verbunden wurde. Was sich diesem Konzept nicht einfügte, sollte weggerissen werden. Um einen größeren Bauplatz zu gewinnen, wurde der Klosterberg zum Teil abgegraben. Dadurch kamen die Grundfesten der Ritterkapelle an die Oberfläche. Seither war sie in baulicher Hinsicht bis zur großen Stiftsrenovierung ein Sorgenkind des Stiftes. 1725 wurde der Konventtrakt mit dem prächtigen Fassadenstuck des Johann Georg Piazoll zum Abschluss gebracht. Der Abt war unterdessen des Bauens müde geworden.

Als er 1729 starb, bedurfte das Stift eines Mannes von großen wirtschaftlichen Fähigkeiten und zäher Energie, damit der Stiftsbau nach Munggenasts Plan weitergeführt und vollendet werden konnte. Abt Paul de Vitsch (1729 bis 1747) war der rechte Mann. Sogleich machte er den stecken gebliebenen Stiftsbau wieder flott. Ein weiteres Problem ergab sich, als 1741 Joseph Munggenast starb. Doch sogleich trug sich Johann Gotthard Hayberger in einem Brief an den Abt an, den Bau weiterzuführen, und erhielt auch prompt den Auftrag. Durch ein Meisterstück einer finanziellen Transaktion - nicht umsonst machten ihn die NÖ. Landstände zu ihrem Finanzreferenten! - gelang es ihm, das Kupferbergwerk Radmer und die Messinghütte Reichraming in den Besitz des Stiftes zu bringen und ertragreich auszubauen. Bei seinem Tod 1747 war der Rohbau des Stiftes tatsächlich vollendet. Doch hatte Abt Paul auch schon mit der Ausstattung begonnen: 1735 malte Paul Troger das Deckenfresko des Marmorsaales (der Zusammenklang von Aszese und Tugendstreben mit Kunst und Wissenschaft im Klosterleben) und als Nebenarbeiten mehrere Gemälde, insbesondere den großen Zyklus des Verlorenen Sohnes, in der heutigen Gemäldegalerie, 1740/41 das Deckenfresko des Bibliothekssaales (Buch mit sieben Siegeln im Zentrum). 1744 wurde ein großzügiges Stiftstheater gebaut, und Bartolomeo Altomonte malte das Deckenfresko des Stiegenhauses (Triumph des hl. Benedikt).

Bei aller hektischen Bautätigkeit wurde aber das religiöse Leben nicht vernachlässigt. Eine Hausordnung aus dem Jahre 1732 gibt darüber Aufschluss: Um ½ 4 Uhr früh wurde der Konvent geweckt, um 4 Uhr begann das Chorgebet und dauerte mindestens eine Stunde, oft länger. Um 6 Uhr früh wurde die Prim gebetet, die Terz um 9 Uhr. Darauf folgten die Konventmesse und die Sext. Nach dem Mittagessen war die Vesper angesetzt, und um 7 Uhr abends wurde die Komplet gebetet. Gewiss waren die barocken Patres keine, Kostverächter, und am Faschingsdienstag gab es sogar noch um Mitternacht Bratwürste und Krapfen, damit die Patres das kommende Fasten leichter aushielten, aber in der ganzen Fastenzeit gab es kein Fleisch auf dem Speisezettel. Dass die damaligen Patres getreu nach der Regel des hl. Benedikt während des ganzen Chorgebetes mit Ausnahme der Lesungen standen, sei ebenfalls nicht ganz übersehen.

Als Abt Paul de Vitsch - auch er stammte aus dem steirischen Eisenadel - 1747 starb, war man des Bauens müde. Man wählte den weniger energischen Wiener P. Dominik Gußmann zum Abt. Sehr bald machte er einen anderen Wiener, den vielseitigen P. Joseph Schaukegl, zu seiner rechten Hand in Bau- und Kunstangelegenheiten. Sie ließen den Stiftshof ruhig im Rohbau stehen, richteten aber das Stift im Inneren mit erlesenstem Geschmack ein: 1754 bis 1758 malte der Kremser Schmidt neun Bilder für einen Gästespeisesaal (heute Maturasaal genannt), 1760 bis 1766 19 Bilder für das Sommerrefektorium.

1763 wurde die Bibliothek sehr vorteilhaft umgestaltet: Der belanglose Stuckrahmen des Trogerfreskos wurde durch vorzügliche Architekturmalerei von Franz Joseph Wiedon ersetzt. Man begann sämtliche Bücher des Hauptsaales wenigstens mit einem weißen Rücken zu versehen, um einen ganz einheitlichen Raumeindruck zu gewinnen. 1763 bis 1768 wurden die Bücherbestände in dreizehn Folianten katalogisiert. Für wertvolle Bücher gab der Abt Unsummen aus. Auf noch nicht ganz geklärte Weise gelang es ihm sogar, über 50 Handschriften aus der Wiener Artistenfakultät zu bekommen, darunter eine Plutarchhandschrift aus dem 11. Jahrhundert. 1766 bis 1769 wurde das Mineralienkabinett nach einem Plan des P. Joseph Schaukegl eingerichtet; zwischen Bibliothek und Mineralienkabinett gestaltete man einen schmalen Raum als Raritätenkammer aus. Für den Schmuck der vielen Räume des Stiftes wurden Gemäldesammlungen und Kupferstiche antiquarisch aufgekauft. Auch eine Münzensammlung begann P. Joseph Schaukegl anzulegen. 1769 bis 1775 wurde, wiederum nach einem Plan von P. Joseph Schaukegl, der übrigens auch Stiftsschaffner war, der großzügige Meierhof (132:66 m) erbaut. Dass die säulengestützten Räume, die Portale und Gewölbe dieses Meierhofes auch künstlerisch wertvoll sind, ist bei einem solchen Bauherrn und Baumeister von vornherein zu erwarten. Nur zu einem Neubau der Stiftskirche konnte sich der Abt nicht entschließen. Er ließ Plan um Plan anfertigen und – ins Archiv wandern, dessen Zierde sie heute noch sind. Schließlich wurde die Kirche 1776 bis 1777 gründlich gereinigt und weiß getüncht. Unter dieser Tünche verschwanden auch die Deckengemälde des Johann Ritsch. Die bunte Fülle und Farbigkeit des Barock war der nüchternen Aufklärung gewichen.[10]

In der Bedrängnis der Aufklärung und ihrer Folgen

1777 wählte der Konvent P. Ambros Rixner zum Abt. Er war zuerst Präfekt der Lateinschule, dann Rektor des theologischen Hausstudiums gewesen. Seine Studenten hatten ihn einmal als ihren Apollo gefeiert, denn er hatte ein sehr gewinnendes Äußeres und wusste das auch. Gerade diese Eigenschaft konnte er bald brauchen, denn unter Joseph II. musste auch Seitenstetten um seine Existenz bangen. In zwei persönlichen Vorsprachen gelang es dem Abt beim Kaiser, das Unheil abzuwenden. Dafür musste er die Administration des aufgehobenen Zisterzienserstiftes Säusenstein an der Donau übernehmen, die sich bald als schwere Last erwies, weil er auch die Pfarren dieses Stiftes mit Patres von Seitenstetten besetzen musste. Ein Vorteil sollte hingegen werden, dass es dem Abt gelang, den heutigen Seitenstettnerhof in Wien aus der Konkursmasse des aufgehobenen Karthäuserklosters Gaming zu ersteigern. Die alte Stiftsbibliothek von Ardagger ersteigerte das Stift ebenfalls, sogar um den Pappenstiel von 28 Gulden. (Heute ist die älteste Handschrift aus der Bibliothek von Ardagger mehr wert, als damals die ganze Bibliothek kostete.)

Kaum hatte sich das Stift aus der Angst der josephineschen Ära etwas erholt, kamen auch schon die Schrecken der Franzosenkriege. Vielfach vom Geist der französischen Aufklärung und Revolution angesteckt, kannten die Eroberer wenig Respekt vor Klöstern und Geistlichen. Als sie im Dezember 1800 das erste Mal anrückten, wurde das Stift zunächst mit verwundeten österreichischen Soldaten überfüllt. Am Heiligen Abend rückten die Franzosen nach und richteten ebenfalls im Stift ein Lazarett ein. Auch ein französisches Regiment quartierte sich im Stift ein. Um die maßlosen Forderungen der ungebetenen Gäste erfüllen zu können, musste das Stift sogar Kredite aufnehmen. Beim zweiten Einfall (1805/06) hielten sich nicht weniger als zehn französische Generäle, natürlich alle mit Gefolge, zeitweise im Stift auf. Das Stift erlitt damals einen Gesamtschaden von über 30.000 Gulden. Selbstverständlich ließen die Franzosen auch manches schöne Stück aus der Paramentenkammer, der Bibliothek und den Stiftssammlungen mitgehen. Etwas disziplinierter benahmen sich die Franzosen, die mit Marschall Lannes 1809 das Stift besetzten. Zum Glück hatte das Stift damals zwei Patres, die während der französischen Revolution aus dem Elsass geflohen und nach Seitenstetten übergetreten waren. Besonders P. Edmund Leger leistete gute Dienste als Unterhändler des Stiftes mit den Franzosen.

Weil Abt Ambros Rixner das Stift immer nur mit äußerster Vorsicht durch die Bedrängnisse seiner Zeit steuern konnte, war er immer bedächtiger geworden. Nach seinem Tod wählte der Konvent daher den energischeren Kolumban Zehetner, der in Seitenstetten selbst als Sohn einer Arbeiterfamilie am 4. März 1777 das Licht der Welt erblickt hatte. Er nahm tatsächlich sogleich die Zügel kräftig in die Hand, erreichte 1814 bei Kaiser Franz das Öffentlichkeitsrecht für das Stiftsgymnasium, worüber im Abschnitt über das höhere Schulwesen mehr zu sagen sein wird, und gründete ein Studentenkonvikt. In Wien ließ er die alten Gaminger Höfe niederreißen und durch den Architekten Kornhäusel mit einem Hauch von Klassizismus wieder aufbauen. Im Stift selbst erhielt nun endlich der große Hof eine Fassade. Auch der Promulgationssaal wurde erst jetzt ausgemalt. Ebenso wurden einige Räume der Abtei mit Malereien des Klassizismus und Biedermeier geschmückt. 1819 wurden die in allen Räumen des Stiftes verstreuten Gemälde in den Räumen des späteren Juvenates zu einer Galerie vereinigt. 1821 beehrte Kaiser Franz I. das Stift mit seinem Besuch, nachdem schon fast 200 Jahre (seit dem Besuch des Kaisers Ferdinand II. 1622) kein Kaiser mehr in Seitenstetten abgestiegen war.

Nach dem energischen Kolumban Zehetner wählten die Patres 1834 wieder einen bedächtigen Mann. Es war der ehemalige Gymnasialpräfekt Joseph Gündl. Den armen Abt verfolgte das Missgeschick: zweimal brannte der Meierhof ab, durch üble Konkurrenz wurden das Kupferbergwerk Radmer und das Messingwerk Reichraming unwirtschaftlich und mussten veräußert werden. Der Konvent wurde immer unzufriedener und der Abt immer mutloser. Als nun das Revolutionsjahr 1848 die Bauernbefreiung brachte, glaubten manche Mitglieder des Konventes, das Ende des Stiftes stehe bevor. Sie bedachten nicht, dass die Lösung des Untertanenverhältnisses für das Stift nicht nur einen Entgang von Einkünften brachte, sondern auch eine Befreiung von einer schweren Last. Im Laufe der Jahrhunderte war die Hofkanzlei des Stiftes immer mehr zum staatlichen Finanzamt für die Untertanen geworden, woraus immer mehr Aufwand für den Beamtenapparat entstand. Diese Aufgabe übernahmen jetzt die Bezirksämter. Außerdem brauchte das Stift nur auf ein Drittel der geschätzten Einkünfte entschädigungslos zu verzichten, für das zweite Drittel musste der Bauer, für das dritte der Staat eine Entschädigung zahlen. Aber das alles sollte sich erst später positiv auswirken. Abt Joseph Gündl gab die Hoffnung auf und resignierte 1851.[11]

Die Hochblüte in der ausgehenden Monarchie

Wiederum hatte die Vorsehung bereits für den rechten Mann gesorgt. 1852 wählten die Patres einstimmig Ludwig Ströhmer zum Abt. Er war in Linz geboren worden, jedoch ein so schwächliches Kind, dass er sich mit vier Jahren noch kaum aufrecht halten konnte. Da trug ihn seine fromme Mutter täglich zu einer Dreifaltigkeitskapelle am Freinberg bei Linz, und der Knabe wurde gesund. Als Abt rechtfertigte er voll und ganz den Vertrauensvorschuss, den ihm der Konvent gegeben hatte. Er forderte genaue Rechnungslegung über alle Wirtschaftszweige und brachte so die Finanzen bald in Ordnung. Seinen Mitbrüdern begegnete er mit großer Herzlichkeit, war aber auch unermüdlich auf gute Disziplin bedacht. So war das Stift für die Apostolische Visitation gerüstet, die 1857 der Linzer Bischof Franz Joseph Rudigier im Auftrag des Kardinals Schwarzenberg durchführte. Es ist noch bekannt, dass der Visitator damals den etwas schrulligen P. Thaddäus Rudolf, dem aber das Stift sehr sorgfältige Kataloge der Gemälde-, Kupferstich- und Münzensammlung und eine Mappe mit Karten aller seiner Pfarren verdankt, fragte, wie es in Seitenstetten um den Gehorsam bestellt sei, und die Antwort erhielt: "Wenn der Herr Prälat sagt: ,Thaddedl, geh in Sonntagberg!' dann geht der Thaddedl in Sonntagberg, wenn er sagt: ,Thaddedl, geh nach Aschbach!' dann geht der Thaddedl nach Aschbach.“ Damit war der Visitator offensichtlich zufrieden.

Weil aber die Visitation nicht überall so günstig ausfiel und eine nachdrückliche Reform gegen den Willen der Prälaten zu befürchten war, schickten die Äbte den damaligen Propst von St. Florian und Abt Ludwig nach Rom, damit sie die Wünsche der österreichischen Stifte dem Papst persönlich vortrügen. Der Propst von St. Florian starb jedoch bald nach der Ankunft in Rom. So musste Abt Ludwig Ströhmer den heiklen Auftrag allein ausführen und er verstand es, auch auf Papst Pius IX. guten Eindruck zu machen. Auch die österreichischen Prälaten waren mit dem Erfolg seiner Mission sehr zufrieden. Gegen Ende seines Lebens leitete er den Ausbau des Gymnasiums zu einem Obergymnasium ein, wie wir später eingehender darstellen werden. Als er 1867 starb, hinterließ er ein wohlgeordnetes Haus, und die Tränen, die um ihn geweint wurden, waren echt.

Sein Nachfolger Dominik Hönigl brauchte nur auf dem weiterzubauen, was sein Vorgänger grundgelegt hatte, und er tat es auch zäh und zielbewusst während der 40 Jahre seiner Amtszeit (1868 bis 1908). Wie das Kapitel über das höhere Schulwesen zeigen wird, nahm das Gymnasium zu seiner Zeit einen raschen Aufschwung und erreichte seine höchste Blüte. Aber auch vom Konvent gilt dasselbe: 1840 zählte er 51 Mitglieder, 1863 waren es 54 Mitglieder, 1879 gehörten ihm 60 Geistliche an, 1891 bereits 65, 1901 68. Dann aber war der Höhepunkt erreicht. 1910 zählte der Konvent wieder nur mehr 65 Mitglieder.

Auch die Wirtschaft florierte unter diesem Abt, woran freilich der tüchtige Schaffner P. Placidus Bachinger den Hauptverdienst hatte. Er kaufte den Sasser- und Kahlenbergerwald am Sonntagberg und den Hinterholz- und Burgschachenwald bei St. Georgen in der Klaus. Dass auch für die Stiftskirche gut gesorgt wurde, war bei der Frömmigkeit dieses Abtes selbstverständlich. Bereits sein Vorgänger hatte durch den Maler Anton Stern große Bilder mit Szenen aus dem Leben des hl. Benedikt für das Langhaus der Stiftskirche malen, die Kirchenfassade ausbauen und dem Turm den heutigen Helm aufsetzen lassen. Abt Dominik Hönigl ließ von Anton Stern auch Bilder für das Presbyterium malen und 1875 von Josef Unterberger eine neue Orgel bauen. 1884 ließ er die Kirche reinigen und rot und weiß färben.[12]

Zwei Weltkriege und ihre Folgen

Nach dem greisen Abt Dominik wünschten die Mitbrüder wieder ein kräftigeres Regiment. Hugo Springer, ein Bauernsohn aus Behamberg, schien ihnen der rechte Mann zu sein. Er liebte es tatsächlich, kräftig durchzugreifen. Weil er vorher Mathematikprofessor gewesen war, vergaß er manchmal etwas, dass er es bei den Mitbrüdern nicht mit Schülern zu tun hatte. Als er daher einmal den jungen P. Erhard Matter abkanzelte, erhielt er 50 Jahre vor dem Konzil die konzilsreife Antwort: „Eure Gnaden, betrachten Sie mich ruhig als ihren Sohn, aber, bitte, als einen erwachsenen!“ Obwohl ihm nur zwölf Jahre Amtszeit beschieden waren, wovon vier Jahre der Weltkrieg einnahm, leistete Abt Hugo Springer doch Beachtliches. Vor allem erbaute er die Turnhalle, leitete zunächst eine Gasbeleuchtung und knapp vor dem Ersten Weltkrieg die elektrische Beleuchtung im Stift ein, renovierte die Stiftskirche, Ritterkapelle und Abteistiege und schaffte als ein kunstsinniger Mann, der auch schon wieder einigen Sinn für Barockkunst hatte, manche schöne Paramente und kirchliche Geräte an. Im Ersten Weltkrieg stellte er die Turnhalle als Rekonvaleszentenheim für Soldaten zur Verfügung und verzichtete bis 1917 auf die Verpflegungskostenbeiträge. Bis Ende 1915 zeichnete das Stift eine Million Kronen Kriegsanleihe. Auch er wurde als Vertreter der österreichischen Benediktiner nach Rom gesandt. In Rom aber verschlimmerte sich ein schon vorhandenes Leiden so sehr, dass er am 18. Juni 1920 starb. Er wurde dort am Ager Veranus beigesetzt.

Jetzt war guter Rat teuer: Die Schäden des Weltkrieges waren noch nicht überwunden, und eine schwere Wirtschaftskrise für das Stift kündigte sich an. Bisher hatten sich die Einkünfte des Stiftes ungefähr zu gleichen Teilen aus den Erträgnissen der Land- und Forstwirtschaft, den Wohnungsmieten der Wiener Höfe und den Zinsen von Stiftungsgeldern und Staatsobligationen zusammengesetzt. Die Mieten fielen nun dem Mieterschutz zum Opfer und die Bankgelder der Inflation. Die Einkünfte des Stiftes schrumpften also innerhalb weniger Jahre auf ein Drittel zusammen. Wer würde diese Probleme bewältigen können?

Die Wahl der Mehrheit fiel auf den Bruder des bisherigen Abtes, auf P. Theodor Springer. Gegenkandidat war P. Bruno Rauchegger. Als er merkte, dass die Wahl an ihm vorüberging, zog er Tabakdose und sein großes blaues Schnupftuch heraus und nahm eine kräftige Prise. Da wusste jedermann, dass er froh war, nicht gewählt worden zu sein, und dem neuen Abt keine Schwierigkeiten bereiten werde. Trotz der Hilfe amerikanischer Benediktiner blieb Abt Theodor nichts anderes übrig, als zur Sanierung der stiftlichen Finanzen die Hälfte der Inkunabeln und die wertvollsten Handschriften der Bibliothek sowie ein Elfenbeinrelief zu veräußern. Diese Transaktion lag ihm zeitlebens schwer auf der Seele. Was hätte er erst gesagt, wenn er gewusst hätte, dass das Elfenbeinrelief die Stiftung des Hochstiftes Magdeburg durch Otto I. darstelle und daher höchst wahrscheinlich ein Vermächtnis des Erzbischofs Wichmann von Magdeburg an das Stift sei? (Es befindet sich heute im Metropolitan-Museum in New York.)

Dann aber gelang es dem Abte doch, das Stift auch wirtschaftlich wieder zu sichern und in kurzer Zeit zu neuem Ansehen empor zu führen. Seine bedeutendste Tat war wohl die Wiedereinführung der Laienbrüder, die im 18. Jahrhundert ausgestorben waren. Innerhalb von 15 Jahren traten zwanzig Brüder ein. Vor dem zweiten Weltkrieg nahm auch der Priesternachwuchs zu und 1938 hatte der Konvent mit 84 Mitgliedern den Höchststand seiner Geschichte erreicht. Fantasiebegabte Leute hielten schon Ausschau nach einer Tochtergründung. Der Abt förderte auch die Wissenschaft, stellte P. Martin Riesenhuber für das Archiv und seine kunsthistorischen Forschungen frei. Dieser nützte die Zeit zu einer vorzüglichen Ordnung des Archivs und seinen zwei Hauptwerken, dem einen über die kirchlichen Kunstdenkmäler des Bistums St. Pölten, dem anderen über die kirchliche Barockkunst in Österreich. Ihm sind vor allem die Einstellung der Regotisierungswelle und die Rettung vieler barocker Werke der Kirchenkunst zu verdanken. Durch P. Petrus Ortmayr ließ der Abt das Archäologische Kabinett einrichten.

Als 1931 die Österreichische Benediktinerkongregation gegründet wurde, wählten die Äbte Abt Theodor Springer zum ersten Präses und erneuerten diese Wahl immer wieder bis zu seinem Lebensende. Ebenso stand er an der Spitze der Konföderation deutscher Benediktinerabteien zur Förderung einer Salzburger Benediktiner-Universität. Ja nach dem Tod Kardinal Piffls dachte man daran, ihn zum Nachfolger auf dem Stuhl des Wiener Erzbischofs zu machen, doch zog er es vor, in Seitenstetten zu bleiben.

Dieses blühende Aufbauwerk machte aber der Zweite Weltkrieg zunichte. Allein schon dadurch, dass beinahe zehn Jahre kein Noviziat geführt werden konnte, musste sich der Personalstand des Stiftes vermindern. Ebenso schwer wog es, dass sechs Mitglieder des Konventes im Kriege fielen. 28 Mitbrüder waren eingerückt: 9 Priester, sämtliche Kleriker und fast alle Laienbrüder. In ungezählten Rundbriefen hielt Prior P. Norbert Straßer die Verbindung der Mitbrüder untereinander und mit dem Stifte aufrecht. P. Georg Mayr musste wegen antinazistischer Äußerungen ins Zuchthaus Stein und entging nur knapp dem Tode durch Erschießen. Eine Reihe von Patres wurden, meistens wegen der einen oder anderen Predigt, vor die Gestapo zitiert, in Seitenstetten selbst musste Abt Theodor Religionsunterricht halten, weil alle anderen Patres des Stiftes Schulverbot hatten. Rückschauend muss man sagen, dass der Konvent von Seitenstetten die damalige Bewährung hervorragend bestanden hat. Zu den Sorgen um die Mitbrüder kam die Sorge um das Haus: Ständig war es von der Aufhebung und Enteignung bedroht. Militär, bis zu tausend Umsiedler aus dem Osten, eine Heimschule für »deutsche Jungen«, Lazarette, Flüchtlinge bevölkerten das Stift, so dass der Konvent schließlich fast nur mehr auf die Räume des Klerikates im zweiten Stock des Nordtraktes beschränkt war. Die Möbel wurden, weil dafür im Stift kein Platz mehr war, auf 29 Häuser in Seitenstetten und Umgebung aufgeteilt, die wertvollsten Gemälde in einem Bergwerkstollen in Aussee verlagert. Weil die Umsiedler das Stift in unerträglichem Maß mit Ungeziefer verseuchten, musste das ganze Stift samt Kirche im Juli 1942 mit Blausäure „entwest“ werden. Der Konvent wurde während dieser „Entwesung“ auf Privathäuser und Pfarrhöfe verteilt, das Chorgebet in den Pfarren, an denen sich mehr als ein Pater befand, nach einem Aufteilungsplan weitergeführt. Als 1944 immer klarer wurde, dass auch die Kriegsfront herannahe, gelobte der Konvent auf zehn Jahre, am Vortag von Maria Himmelfahrt ein strenges Fasten zu halten, wenn das Stift in seinem Bestand gerettet werde. Für Abt Theodor kam dazu noch die Sorge um die übrigen Benediktinerklöster in Österreich, von denen die meisten aufgehoben wurden. Es war kein Wunder, dass er eines Tages beim Chorgebet zusammenbrach.

Nach dem Krieg ging man sofort unverdrossen ans Werk: Schule und Konvikt wurden wieder eröffnet, die Patres des Konventes allmählich aus den Pfarren zurückgeholt, die Räume des Stiftes beziehbar gemacht. Die kriegsgefangenen Mitbrüder kehrten allmählich heim. In langwierigen Verhandlungen wurden allmählich auch die Kunstgegenstände wieder ins Stift heimgeholt und in den Sammlungen neu untergebracht. Die Gemäldegalerie, die schon 1931 dem Juvenat weichen musste, fand in Gästezimmern ihre heutige Aufstellung. Mehrere Pfarrkirchen wurden renoviert und 1953 mit der Außenrenovierung der Wallfahrtskirche Sonntagberg begonnen. Eine Reihe von Maturanten, die um 1950 ins Stift eintraten, gab neue Hoffnung und Zuversicht. Nach langem Zögern entschloss man sich auch, den kriegszerstörten Seitenstettnerhof am Franz-Josefs-Kai in Wien wieder aufzubauen, wozu der tüchtige Laienbruder Johannes Risbek wertvolle Dienste leistete. Selbst die Wissenschaft erfuhr noch einige Pflege: P. Carl Jelllouschek war im Studienjahr 1955/56 Rektor der Wiener Universität, P. Hieronymus Gaßner Theologieprofessor in Rom und P. Willibald Demal schrieb seine „Praktische Pastoralpsychologie“, die mit fünf Übersetzungen der größte Bucherfolg wurde, den je ein Pater des Stiftes errang. Als Abt Theodor Springer am 19. Mai 1955 seinen 70. Geburtstag feierte, überreichten ihm P. Petrus Ortmayr und P. Ägid Decker das erste Exemplar ihrer ausgezeichneten Stiftsgeschichte.

P. Ägid Decker sollte sein Nachfolger werden. Er führte den Bau des Wiener Hofes, die Zusammenlegung der Konvikts- und Konventküche zu einer neuen Zentralküche und die Renovierung der Benediktuskapelle zu Ende und setzte die Renovierung in den Pfarrkirchen und am Sonntagberg fort. Die Rationalisierung und Modernisierung des Meierhofbetriebes durch Schaffner P. Raphael Schörghuber machte unter ihm Fortschritte. Leider zeigte sich bald, dass die Gesundheit dieses umsichtigen und gewissenhaften Mannes der äbtlichen Bürde nicht gewachsen war.[13]

Stabilität in der Umbruchszeit nach dem Konzil

1962 folgte auf Ägid Decker Abt Albert Kurzwernhart nach. Mit großer Vorsicht steuerte er den Konvent durch die Schwierigkeiten, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ausbrachen. Er ließ sich mit der Einführung des deutschen Chorgebetes und anderen einschneidenden Änderungen Zeit, bis er das Einverständnis seiner Mitbrüder gewonnen hatte. Die Renovierungsarbeiten in den Pfarren brachte Abt Albert weitgehend zum Abschluss und begann nach langen Planungen, zunächst noch ohne Hilfe der Bundes- und Landesregierung, die kostspielige und dringend notwendige Renovierung der Stiftskirche. Vor allem durch die Aufdeckung und Restaurierung der Deckengemälde durch Restaurator Gustav Krämer gewann die Abteikirche einen prachtvollen Eindruck, wie sie ihn schon seit mehr als 200 Jahren nicht mehr hatte.

Der zunehmende Priestermangel machte es nötig, immer mehr Laien in Schule und Seelsorge heranzuziehen. Doch konnte sogar auch für die Wissenschaft einiges geleistet werden: P. Maurus Jaresch setzte die Katalogisierung der Bibliothek fort, ein gründlicher Index der neuzeitlichen Handschriften wurde angelegt, die Bestände des Musikarchivs vor 1850 wurden von Dr. Alexander Weinmann, die wertvolle Schubertsammlung von seinem Bruder Ignaz Weinmann katalogisiert, von sämtlichen noch nicht gedruckten Sachurkunden des Stiftsarchivs wurden unter Archivar P. Benedikt Wagner Regesten angelegt und alle in diesen Regesten vorkommenden Namen von Herrn Oberschulrat Franz Steinkellner, Zeillern, in alphabetischen Registern festgehalten. Seit dem Abschluss dieser fast zehnjährigen Arbeit ist fast jeder im Stiftsarchiv in Urkunden bezeugte Name in kürzester Zeit greifbar. Es gibt nur ganz wenige vergleichbare Archive, in denen dies möglich ist.

Wie einst Abt Benedikt Abelzhauser hat auch Abt Albert zuerst einmal die Stiftskirche auf Glanz gebracht, aber trotz der sehr hohen Kosten der Kirchenerneuerung seinem Nachfolger eine beachtliche finanzielle Rücklage hinterlassen, womit er sofort an die Renovierung des Stiftsbaues schreiten konnte. Abt Albert Kurzwernhart verstand die Warnung durch zwei Herzinfarkte und stellte mit Vollendung des 70. Lebensjahres 1984 sein Amt zur Verfügung, blieb als Emeritus im Konvent und starb im Februar 1993.

Kaum war also Abt Berthold Heigl, ein Ybbsitzer Bauernsohn, 1984 gewählt, begann die konkrete Planung für die umfassende Restaurierung des Stiftsgebäudes. Die Zeit drängte, weil das Land Niederösterreich 1988 in Seitenstetten eine Landesausstellung durchführen wollte. 1985 wurde der große Stiftshof mit der Kirchenfassade renoviert, wobei man sich auf ein barockes Fassadengelb einigte. 1986 folgten die Westfassade, die kleinen Höfe zu beiden Seiten der Stiftskirche, die Abteistiege sowie die Sicherung und Restaurierung des großen Freskos in der Stiftsbibliothek durch Johann Rauchecker. 1987 wurden Konventhof und Nordfassade restauriert und die romanische Ritterkapelle als spirituelles Zentrum neu gestaltet, damit auch Gäste am Chorgebet der Mönche teilnehmen können. Als man den Kapitelsaal auf das mittelalterliche Niveau absenkte, kamen an den Wänden Fragmente qualitätvoller spätmittelalterlicher Malereien zum Vorschein. 1988 wurde noch vor Beginn der Landesausstellung die Ostfassade des Meierhofes erneuert.

Am 6. Mai 1988 eröffnete Landeshauptmann Siegfried Ludwig im großen Stiftshof die Nö. Landesausstellung „Kunst und Mönchtum an der Wiege Österreichs“. So wie Bundespräsident Dr. Kurt Waldheim am 1. Oktober kamen von Mai bis Oktober fast 250.000 Besucher nach Seitenstetten, um die Ausstellung zu sehen. P. Benedikt Wagner, der im Laufe der Jahrzehnte Dutzende Aufsätze zu Themen der Stiftsgeschichte publizierte, verfasste aus diesem Anlass ein Buch über dasStift Seitenstetten und seine Kunstschätze. Als Abschluss der Kirchenrestaurierung wurde 1989 die bereits von Abt Albert bestellte und durch Pirchner in Steinach am Brenner gebaute neue Orgel gesegnet und seit 1993 erstrahlt die prachtvolle Sakristei in neuem Glanz. Durch die Südfassade 1989 und die Ostseite 1990 konnte die Außenrenovierung des Stiftes abgeschlossen werden. Möglich war dies große Werk wie auch die nachfolgenden Renovierungen nur durch großzügige Unterstützung seitens des Bundes, des Landes Niederösterreich, der Diözese sowie durch selbstlose Spenden und Arbeitsleistungen seitens der Bevölkerung. 2007 wurde im kleinen Hof zwischen Stiftskirche und Gymnasium der lang gehegte Wunsch nach einem eigenen Klosterfriedhof verwirklicht.

Im Zuge der Vorbereitungen für die Landesaustellung wurde die Galerie erweitert und ein Teil der Sammlung in klimatisierten und alarmgesicherten Depoträumen untergebracht. Um die Schätze entsprechend präsentieren zu können, bezog man 1997/98 frei gewordene Räumlichkeiten im zweiten Stock des Nord- und Osttraktes in den Galeriebereich ein. In sieben Räumen werden seither auch zeitgenössische Künstler präsentiert und 1999 erschien über die Bildergalerie ein prächtiger Bildband. Im Jahre 2004 erhielt die Stiftsbibliothek in jenem großen Saal im 2. Stock zwischen Gymnasialgang und Kirchturm, der früher Studiersaal des Konviktes, dann Studentenkapelle und zuletzt Möbeldepot gewesen war, einen Bücherspeicher mit modernen Rollregalen. Etwa 25.000 Bände wurden aus verstreuten Depoträumen in den neuen Speicher übertragen. Zu Pfingsten 2006 begann man überdies, den Bücherbestand der Stiftsbibliothek per Computer neu zu katalogisieren, wobei bis 2009 etwa 30.000 Bände aufgenommen werden konnten.

Der Abteigang blieb auch nach 1988 Schauplatz regelmäßiger Ausstellungen: 1990 würdigte eine Gedächtnisausstellung das Kunstschaffen des akademischen Malers P. Anton Unterhofer und auch der vielseitige Kustos, P. Martin Mayrhofer, stellt hier regelmäßig seine Werke aus. Ein Beitrag zur österreichischen Zeitgeschichte war 1992 die Ausstellung „Julius Raab – Aussaat und Ernte“. 2001 gedachte die Sonderausstellung „Kremser Schmidt – Meister des Hell und Dunkel“ des 200. Todestages dieses großen österreichischen Barockmalers, von dem das Stift die größte Sammlung an einem Ort besitzt, und 2003 war die Sonderausstellung „Illusion & Illustration“ dem Werk der Künstlerfamilie Altomonte gewidmet. 2004 beherbergten die nun gründlich restaurierten Räumlichkeiten der Abtei die Ausstellung „Zu Gast beim Abt“ und 2006 verband die Ausstellung „Feste und Feiern“ volkstümliches Brauchtum des Jahres- und Lebenslaufes mit Werken der  Künstlerfamilie Bassano. 2009 schließlich behandelt eine Jubiläumsausstellung die Gründung des ersten Klosters in Seitenstetten.

Schon 1985 veranlasste der wirtschaftliche Wandel die Stiftsverwaltung, die Viehhaltung aufzugeben und die landwirtschaftlichen Nutzflächen zu verpachten. Der Forstbesitz blieb mit Löhnen und Gehältern der Patres aus Schule und Seelsorge weiterhin eine sichere Einnahmequelle, dazu kommen Erträgnisse aus Mieten und Verpachtungen. Finanzielle Überlegungen legten den Ausbau des Seitenstettner-Hofes in Wien für weitere Wohnungen nahe.

Schweren Herzens war 1984 das Juvenat und 1995 das Konvikt geschlossen worden. 1992 entschloss sich der Konvent, Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina aufzunehmen. Am 1. Juli trafen die ersten Flüchtlinge über Traiskirchen in Seitenstetten ein. Sie wurden zunächst im Maierhof, dann in den Räumen des ehemaligen Juvenates und des ehemaligen Abteilung für die 1. und 2. Klasse des Konviktes untergebracht. Die Höchstzahl war für kurze Zeit über 80 Personen, dann durch fünf Jahre hindurch 73. Prior P. Michael Prinz, Fr. Josef Rockenschaub und Frau Agnes Weigl waren hauptsächlich für ihre Betreuung zuständig.

Großen finanziellen Aufwand erforderte die Restaurierung und Revitalisierung des Meierhofes 1991-95 und 2006-08. Vor allem die neuen Fest- und Veranstaltungsräume in der Moarstube und den ehem. Stallungen beeindrucken mit ihrer zeitlosen Architektur. Die Neugestaltung und Revitalisierung des Historischen Hofgartens gilt als Beitrag des Stiftes zum österreichischen Millenniumsjahr 1996. Seit 1997 kommen jährlich Mitte Juni tausende Besucher zu den Gartentagen. In Zusammenarbeit mit der Diözese St. Pölten entstanden an neuen Einrichtungen in Seitenstetten: 1993 das Bildungshaus St. Benedikt, 1997 das Jugendhaus Schacherhof und 2002 das Haus Gennesaret. Im Jahre 2000 wurde in der alten Klosterpforte ein moderner Klosterladen eingerichtet, der zugleich Informationsstelle und Verkaufsraum für Bücher, CDs, Karten und Produkte des Stiftes ist.

Auch für zahllose Erneuerungsarbeiten an den Kirchen und Pfarrhöfen der inkorporierten Pfarren leistete das Stift große finanzielle Unterstützung und stellte vielfach Handwerker des Bauamtes zur Verfügung. Besonders aufwendig waren seit Jahrzehnten die Restaurierungs- und Instandhaltungsarbeiten an der Basilika auf dem Sonntagberg. Die Außen- (2003) und Innenrenovierung (2007) der Seitenstettner Friedhofskirche St. Veit war schon ein wichtiger Schritt zur Feier des 900-Jahr-Jubiläums.

Im Jahre 2000 wurde der Seitenstettner Mönch Dr. Johannes Gartner Abt in Seckau. Sorgen bereitet der Rückgang der Ordensberufe seit dem Zweiten Weltkrieg und die damit verbundene Überalterung des Konventes. Doch sollte man nicht übersehen, dass es im letzten Jahrzehnt vermehrt Eintritte gab, so dass der Seitenstettner Konvent Anfang 2009 mit 36 Mitgliedern, davon 26 Priester, 2 Diakone, 4 Chorfratres, 3 Kleriker und ein Novize, unter den österreichischen Benediktinerabteien einen überdurchschnittlichen Personalstand aufweist. Der Konvent bemüht sich um ein würdiges Chorgebet – an Samstagen, Sonn- und Feiertagen wird die Vesper gesungen. Noch immer haben alle Pfarren, selbst die kleinsten, einen eigenen Seelsorger, wenn auch einige Pfarrer vom Stift aus wirken, wo sie Leben und Aufgaben der Gemeinschaft mittragen. Den auswärtigen Mitrüder finden Gelegenheit zum Kontakt mit dem Konvent bei den monatlichen Konveniaten bzw. Namenstagsfeiern auf den Pfarren. Seit Abt Berthold im Amt ist, unternimmt der Konvent auch alljährlich Ende August einen gemeinsamen Ausflug. Es gilt nach wie vor, was P. Benedikt Wagner vor fast 30 Jahren in der ersten Auflage dieses Buches geschrieben hat: „So haben wir wohl mehr Grund, Gott zu danken, als kleinmütig zu sein. Dies umso mehr, wenn wir, wozu uns auch dieser Abriss der Stiftsgeschichte dienen könnte, bedenken, wie oft das Stift schon aus (zuweilen noch viel ärgerer) Not und Bedrängnis zu neuer Kraft und frischem Leben erstanden ist.“[14]

Verzeichnis der Äbte

Die folgende Liste wurde hauptsächlich nach der Stiftsgeschichte von P. Petrus Ortmayr und P. Ägid Decker (O.-D.) zusammengestellt. Sie enthält außer der laufenden Zahl, dem Namen und der Regierungszeit auch eine Spalte, in der folgende Besonderheiten vermerkt sind: eine Postulation aus einem fremden Kloster, eine Absetzung oder Resignation, und in diesem Fall womöglich auch das Todesjahr, einen Übertritt in ein anderes Kloster, die Regierungszeit nach O.-D. – falls sie von der vorliegenden Liste abweicht.

1

Leopold

1114 – 1138

O.-D. 1116 – 1138; aus Göttweig berufen

2

Sigfried

1138 – 1141

O.-D. 1138 – 1140; abgesetzt

3

Friedrich

1141 – 1168

O.-D. 1140 – 1167; aus Mondsee postuliert

4

Grifro

1169 – 1174

O.-D. 1167 – 1172; resigniert und wurde Zisterzienser

5

Konrad I.

1175 – 1204

O.-D. 1172 – 1203; aus Wessobrunn postuliert; 1196 -1198 auch Administrator von St. Peter in Salzburg; 1204 zwei Monate Abt in Melk und dort gestorben.

6.

Konrad II.

1204 – 1206

Nicht bei O.-D.; aus Kremsmünster postuliert; 1206 – 1209 Abt von Kremsmünster

7.

Marquard

1206 – 1213

O.-D. 1203 – 1210

8.

Dietmar I.

1213 – 1224

O.-D. 1210 – 1223; vielleicht aus Admont postuliert

9.

Konrad III.

1224 – 1231

O.-D. 1223 – 1230

10

Otto I.

1231 – 1238

O.-D. 1230 – 1238

11

Dietrich I.

1238 – 1247

aus Melk postuliert; 1247 acht Monate Abt in Melk und dort gestorben

12

Heinrich I.

1247 – 1250

 

13

Hermann

1250 – 1261

aus St. Lambrecht postuliert

14

Rudolf I.

1261 – 1290

aus St. Emmeram in Regensburg postuliert

15

Konrad IV.

1290 – 1308

 

16

Otto II.

1308 – 1313

abgesetzt, dann Pfarrer in Ybbsitz

17

Heinrich II.

1313 – 1318

resignierte

18

Gundacker

1318 – 1324

Professe von Admont; 1315 – 1318 Abt von Mondsee

19

Ottaker Stiller

1324 – 1328

 

20

Dietrich II Perleitter

1328 – 1337

 

21

Dietmar II.

1337 – 1348

aus Kremsmünster postuliert

22

Ekfrid Schirmer

1348 – 1350

O.-D. 1348 – 1349; doch Todestag 23. Februar, aber am 15. Juni 1349 noch urkundlich bezeugt

23

Rudolf II.

1350 – 1354

abgesetzt, starb 1355

24

Engelschalk

1354 – 1385

 

25

Laurenz v. Meilersdorf

1385 – 1419

resigniert; starb noch 1419

26

Stephan

1419 – 1422

 

27

Thomas Chersperger

1423 – 1426

O.-D. 1423 – 1427, doch am 4. 1. 1427 – bereits Abt Johann bezeugt

28

Johann I. Irnfried

1427-1437

resigniert, starb 1443

29

Benedikt I.

1437 – 1441

vorher Schottenprior in Wien

30

Christian von Kolb

1441 – 1465

 

31

Paul I. Pymisser

1465 – 1476

 

32

Kilian Heumader

1477 – 1501

 

33

Andreas

1501 – 1521

 

34

Heinrich III. Sues

1521 – 1532

 

35

Johann II. Eyspain

1532 – 1547

 

36

Johann III. Wolfspecker

1547 – 1548

resigniert und starb noch 1548

37

Gregor Danhammer

1548 – 1552

 

38

Georg Sugel

1552 – 1565

 

39

Elias Portschens

1565 – 1568

abgesetzt, dann protestantischer Prädikant

40

Domitian Egartmer

1568 – 1570

vorher Prior in Melk

41

Michael Bruckfelder

1570 – 1572

Auch „Gurkfelder“ genannt, Professe und Prior von Melk, 1568 – 1570 Abt von Gleink; abgesetzt, nachher protestantischer Prädikant

42

Christoph Held

1572 – 1602

Professe von Kremsmünster

43

Bernhard Schilling

1602 – 1610

aus Melk postuliert

44

Kaspar Plautz

1610 – 1627

Professe von Garsten; 1608 – 1609 Administrator von Gleink

45

Placidus Bernhard

1627 – 1648

vorher Prior von Kremsmünster

46

Gabriel Sauer

1648 – 1674

„2. Gründer“

47

Adam Pieringer

1674 – 1679

 

48

Ambros I. Marholt

1679 – 1687

 

49

Benedikt II. Abelzhauser

1687 – 1717

 

50

Ambros II. Prevenhueber

1717 – 1729

 

51

Paul II. de Vitsch

1729 – 1747

 

52

Dominik I. Gußmann

1747 – 1777

 

53

Ambros III. Rixner

1777 – 1812

 

54

Kolumban Zehetner

1813 – 1834

 

55

Joseph Gündl

1834 – 1851

resigniert, starb 1854

56

Ludwig Ströhmer

1852 – 1867

„3. Gründer“

57

Dominik II. Hönigl

1868 – 1908

 

58

Hugo Springer

1908 – 1920

 

59

Theodor Springer

1920 – 1958

 

60

Ägid Decker

1958 – 1962

 

61

Albert Kurzwernhart

1962 – 1984

resigniert, starb 1993

62

Berthold Heigl

1984 –

 

Sehenswürdigkeiten des Stiftes Seitenstetten
Rosengarten Seitenstetten Brunnen richtig.JPG

Man betritt die Stiftsanlage durch ein Portal mit Plastiken von Johann Paul Sattler, von dessen Vater auch die Marmorportale mit den Allegorien der Kardinaltugenden im großen Hof stammen. Im Zentrum der Anlage mit vier Höfen steht die Stiftskirche. Aus der romanischen Zeit hat sich nur die Marienkapelle (heute Ritterkapelle) erhalten. Die vom Turm überragte Westfassade ziert das eindrucksvolle Kirchenportal aus weißem Marmor mit drei Statuen. Die Statuen der Apostelfürsten Petrus und Paulus schuf Josef Anton Pfaffinger nach den Statuen vor dem Salzburger Dom.

Den Hochaltar mit geschwungenen Säulen ziert das kostbar gerahmte Altarblatt mit der Himmelfahrt Mariens, ein Meisterwerk Johann Karl Reslfeldts. Bei den Seitenaltären stellen die Bilder mit den Statuen zusammen ein reiches ikonografisches Programm dar. Die insgesamt 135 Wand‑ und Deckenbilder malte Johann Ritsch (1702).

Die Kirchenanbauten: An der Südseite der Stiftskirche liegt die Benediktuskapelle, im 17. Jahrhundert als Gruftkapelle der Herren von Salaberg eingerichtet. Der frühbarocke Altar (um 1640) trägt reichen Figurenschmuck. In der heutigen Gruftkapelle ein Freskenzyklus zum Thema Tod und Auferstehung von Maria Sturm. Die Ritterkapelle aus der Mitte des 12. Jahrhunderts enthält in Apsis und Seitenwänden romanische Reste, die den Brand von 1250 überdauerten. In ihrem Inneren zwei romanische Halbsäulen mit Würfelkapitellen, Rankenwerk (Lebensbaum) und Eckmasken.
Rosengarten Seitenstetten Mai05.jpg

Über der Einfahrtshalle liegt im ersten Stock der Promulgationssaal (Festsaal), der erst 1815 seine klassizistische Bemalung erhielt. Im Nordflügel erreicht man durch ein überaus beschwingtes Schmiedeeisengitter die dreiarmige Hauptstiege, die Abteistiege. Das Deckenfresko von Bartolomeo Altomonte stellt den Triumph des heiligen Benedikt dar (1744). Der Marmorsaal ist farblich kühl gehalten mit Spiegelgewölbe und Pilastern aus Stuckmarmor. Über interessanter Scheinarchitektur das Deckenfresko: Verbindung von Glaube und Wissenschaft von Paul Troger (1735).

Im stimmungsvollen Rokokoraum des Mineralienkabinetts graziöse Schränke. Das Bild des Abtes Dominik I. stammt vom Kremser Schmidt, das Deckenfresko von Johann Bergl. Im Maturasaal (Gästespeisesaal) zwölf Gemälde des Kremser Schmidt, neun davon auf Speise und Trank bezogen, das Hauptbild wurde als Fastenbild für die Stiftskirche gemalt und stellt die Kreuzigung dar. Im Südflügel befindet sich schließlich die Bibliothek, zweigeschossig mit einer Galerie. Die Scheinarchitektur stammt von Franz Josef Wiedon, das Deckenfresko von Paul Troger (Szene aus der Apokalypse, im Zentrum das Buch mit den sieben Siegeln), die vier Statuettenpaare, die vier Fakultäten symbolisierend, von Johann Jakob Sattler. Die Bibliothek besitzt etwa 65000 Bände, 270 Handschriften und 230 Inkunabeln. Die Stiftsgalerie ist eine der bedeutendsten des Landes. Sie umfasst an die 1000 Gemälde von der Spätgotik bis zum Barock, mit mehr als 70 Gemälden vom Kremser Schmidt, sowie moderne Malerei und Grafik ab 1950.

Im täglich von 8 bis 20 Uhr frei zugänglichen Historischen Hofgarten des Stiftes sind ein Rosengarten mit über hundert verschiedenen Rosensorten, ein klösterlicher Kräutergarten und eine barocke Gartenanlage zu bewundern. Nach dem Motto "Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten." suchen dort viele Menschen Ruhe und Erholung. [15]

Allgemeine Informationen

Anreise: A1 Autobahn: Vom Westen: Abfahrt Haag; vom Osten: Abfahrt Oed, B 122

Öffnungszeiten: Führungen von Ostern bis Allerheiligen täglich um 10:00 und 15:00.
Eine Führung umfasst Abteistiege, Maturasaal, Marmorsaal, Promulgationssaal, naturhistorische Sammlung, Stiftsbibliothek, Ritterkapelle und Stiftskirche.

Stiftsgalerie: geöffnet an Samstag, Sonn‑ und Feiertag von 14:30 bis 17:00

Einkaufen: Im Klosterladen gibt es neben Büchern und Souvenirs auch schöne Gartenutensilien.

Kultur und Freizeit: Stiftskonzerte, Bildungszentrum St. Benedikt, Tennis, Minigolf, Sportflugplatz, Wallfahrtskirche Sonntagberg

Kontakt: Benediktinerstift Seitenstetten, Am Klosterberg 1, A-3353 Seitenstetten, Tel. 07477/42300-0 [16]

Einzelnachweise

  1. Frater Andreas Tüchler OSB
  2. Frater Andreas Tüchler OSB
  3. P. Benedikt Wagner, ergänzt von P. Jacobus Tisch
  4. Quellen: Urkundenbuch S. 2ff., Nr. 2; Pez Sp. 305ff. (Gründungsgeschichte).Literatur: Ortmayr-Decker S. 19-29; Koller S. 99ff. u. ö.; Wagner, Anfänge, S. 91-101
  5. QUELLEN: Urkundenbuch S. 17, Nr. 12; Pez Sp. 30ff. LiTERATUR: Ortmayr-Decker S. 20-27; Koller S.103f., 110, 115f. u. ö.; Wagner, Anfänge, S. 64-86 u. 103; Franz Steinkellner, Udalschalk von Stille und seine Blutsverwandten, die Brüder von Url, Wiege Österreichs III S. 104-120
  6. QUELLEN: Urkundenbuch S. 4f., Nr. 3, und S. 14ff., Nr. 11; Pez Sp. 307f.; Küchenbuch 1661 S. 123ff.; Verkündzettel 1731 im Karton 3A, Fasz. Stifterfamilie und verwandte Geschlechter; Kämmereirechnungsbuch 1774/75, S. 74. LITERATUR: Ortmayr-Decker S. 29-41; Wagner, Anfänge, S. 72 u. 88; P. Benedikt Wagner, Die Pflege des Stiftergedächtnisses in Seitenstetten, 1.000 Jahre Babenberger in Österreich, Ausstellungskatalog, Lilienfeld 1976, S. 688-96; Riesenhuber, Abteikirche S. 9f.; Klaar, Baualterspläne MB 29f. im Stiftsarchiv; Josef Semmler, Die Klosterreform von Siegburg, Rheinisches Archiv, Bd. 53, Bonn 1959, S. 107 u. 355.
  7. Quellen: Urkundenbuch S. 57-87, Nr. 46-72, S. 194, Nr. 181; Urbare, besonders S. XLIII ff.. zur Datierung des 2. Urbares; dagegen Rudolf Büttner, Unsere Heimat, Jg. 50 (1979), 3. Heft, S. 161 ff.; Pez Sp. 308 - 313; Monumenta Germaniae Historica, Scriptores IX, S. 506 (Annales Mellicenses zu 1203f.) und 549 (Continuatio Cremifanensis zu 1206). Literatur: Ortmayr-Decker S. 43-96; Riesenhuber, Abteikirche S. 9-15; Ignaz Keiblinger, Geschichte des Benediktiner-Stiftes Melk, 1. Bd., Wien 1851, S. 30l f.; Bernhard Pösinger, Die Rechtsstellung des Klosters Kremsmünster 777 -1325, Archiv f. d. Geschichte d. Diözese Linz, 3. Jg., Linz 1906, S. 106 f.; Altman Kellner, Professbuch des Stiftes Kremsmünster, Kremsmünster 1968, S. 68; Julius Strnadt, Peuerbach, Bericht über das Museum Francisco-Carolinum, Jg. 27, 1868, S. 127f.; P. Benedikt Wagner, Drei figurale Grabsteine der Gotik in Seitenstetten, 1. Teil, Pfarrbrief S., Ostern 1977, S. 8f. (Stiftswappen); ders., Die Bau- und Kunstgeschichte der Stiftskirche Seitenstetten, Pfarrbrief S., Allerheiligen 1974, S. 7-11; Adalbert Klaar, Baualterspläne des Stiftes Seitenstetten, Stiftsarchiv MB 29 - 31.
  8. QUELLEN: Urkundenreihe des 15. u. 16. Jh. im Stiftsarchiv, besonders die Urkunden 45a u. 46 des 16. Jh. (1517); Visitationscharta von 1419 im Codes 227 der Bibliothek des Wiener Schottenstiftes; Visitationscharta vom 27. 5. 1448 im Karton 29F, Fasz. Visitationen (gedruckt bei Joseph Chmel, Beiträge zur Beleuchtung der kirchlichen Zustände Österreichs im 15. Jh, Denkschriften der Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, 2. Band, Wien 1851, S. 63 -68); Pez Sp. 313-15. Literatur: Ortmayr-Decker S. 96-129; Riesenhuber, Abteikirche, S. 15-17; Wagner-Fasching, S. 78 f., Anton Kranzl, Die Visitationscharta vom 27. 5. 1448 im Rahmen der Melker Reform, Hausarbeit, maschingeschr., Wien 1977; Cerny S. 73ff., 78 - 89 u. Ö.
  9. QUELLEN: Stiftsarchiv, Karton 29F, Fasz. Visitationsakten; Pez, Sp. 316-18. LITERATUR: Ortmayr-Decker S. 129-98; Plesser Alois, Zur Kirchengeschichte des Viertels ob dem Wienerwald vor 1627, Geschichtliche Beilagen zum St. Pöltner Diözesanblatt, XV. Band, St. Pölten 1977 S. 625, und XVI. Band, ebd. 1998, S. 73; Riesenhuber, Abteikirche S. 27; ders., Kunsttätigkeit, Nr. 16; ders., Seitenstetten 1602-48, S. 1-50.
  10. QUELLEN: Kämmereirechnungen des Stiftsarchivs; Bau- und Kunstakten im Karton 33A und B; Küchenbücher (mit Eintragungen der Gäste, z. B. Daniel Grans und d. Kremser Schmidt); Hausordnung des Jahres 1732 im Karton 29A. LITERATUR: Ortmayr-Decker S. 199-283; Riesenhuber, Abteikirche S. 27 -50; ders., Seitenstetten 1602-48, S. 50-78; ders., Kunsttätigkeit, 1912, Nr. 17, 1913, Nr. 2-5; ders., Kunst und Handwerk S. 261-303; ders., Kunstdenkmäler S. 304-11; Weichesmüller S. 424-444; Cerny S. 75-77; P. Benedikt Wagner, Der Stuckateur Stephan Ober und Linzer Barockplastiker in Seitenstetten, Kunst-Jahrbuch der Stadt Linz 1974/75, S. 35-50; ders., Bau- und Kunstgeschichte der Stiftskirche Seitenstetten, 2. Teil, Pfarrbrief Seitenstetten, Weihnachten 1974; ders., Die Wand- und Deckengemälde im Mittelschiff der Stiftskirche, ebd. September 1977; ders., Die Seitenstettner Benediktakapelle und ihre Deckengemälde, ebd. Februar 1978; ders., Die restaurierten Gemälde unter dem Orgelchor und beim Kirchenportal, ebd., Weihnachten 1978; ders., Die restaurierten Gemälde im Südschiff der Stiftskirche, ebd. Ostern 1980.
  11. QUELLEN: Stiftsarchiv, Karton 1F, Akten über die Äbte 1777-1851; Karton 6B, Faszikel Franzosenkriege. LITERATUR: Ortmayr-Decker S. 284-311; Weichesmüller S. 405-424; Cerny S. 77 f.; P. Benedikt Wagner, Der Religionsfonds versteigert eine alte Stiftsbibliothek. Translatio Studii Collegeville, USA, 1973, S. 235-243.
  12. QUELLEN: Stiftsarchiv, Karton 1 G (Ludwig Ströhmer) und 1 H (Dominik Hönigl). LITERATUR: Ortmayr-Decker S. 312-327; Riesenhuber, Abteikirche S. 51-55; Gymnasialprogramme 1867-1909.
  13. QUELLEN: Stiftsarchiv, Karton 6C-G (Erster Weltkrieg), 6H-K (Zweiter Weltkrieg), Karton lIff. (Äbte), Karton 29E, Fasz. Gelübde des Konventes. LITERATUR: Ortmayr-Decker S. 328-355; Gymnasialprogramme 1909-1922; Bote aus Seitenstetten 1929 -1962; Fr. Jacobus Engelbert Tisch, Abt Theodor Springer (1920 – 1958) und die monastische Reform in Seitenstetten, Diplomarbeit, Salzburg 1995.
  14. LITERATUR: Überlacker, Äbte S. 22-31; Wagner-Fasching S. 69-70.
  15. Frater Andreas Tüchler OSB
  16. Frater Andreas Tüchler OSB
Meine Werkzeuge
Namensräume
Varianten
Aktionen
MOSTWIKI
Mitarbeiten
Werkzeuge